Tradition als neue Moderne? Brief an die Kanzlerin, 7

Liebe Frau Merkel,
 
dieser Tage flatterte eine Einladung ins Haus: „Angela Merkel kommt!“, steht darauf. Sie werden also am 1. September um 17 Uhr auf dem Schlossplatz in Winsen an der Luhe (am Rande der Lüneburger Heide) reden, denn in Niedersachsen sind demnächst Kommunalwahlen. Es handelt sich ausweislich der Ankündigung um eine „Open-Air-Veranstaltung“, ab 16 Uhr ist Vorprogramm.
 
Ihr Auftritt soll der CDU Stimmen bringen, vor allem auch dem (sehr netten) CDU-Kreistags-Spitzenkandidaten namens Necdet Savural, „unser Kandidat mit türkischen Wurzeln“.  Schon das müssen Sie den Heidjern hier wirklich zweimal erklären, die in ihrer Bodenständigkeit eher zu Kandidaten mit deutschen Wurzeln neigen. Aber da sind noch zwei weitere Probleme. Zum einen traut sich die CDU bei vielen zu vergebenden Bürgermeisterposten den Erfolg eines eigenen Kandidaten nicht mehr zu und unterstützt gemeinsam mit SPD, FDP, Grünen oder Freien Wählern „unabhängige“ Personen, die vielerorts geschrumpfte CDU kann sich nur auf diese Weise noch Einfluss sichern. Ein Kreuzchen bei der CDU ist also gar nicht immer möglich. Und: Warum überhaupt sollte man sie wählen? Wenn man das gefragt werde – so hat die CDU im Landkreis Harburg ihren Mitgliedern geschrieben – dann könnten  sie antworten: „Wo die CDU regiert, geht es den Menschen besser.“ Denn von den elf niedersächsischen Landkreisen mit Vollbeschäftigung würden zehn eine CDU-Mehrheit im Kreistag aufweisen.
 
Das wird stimmen. Aber das Argument bleibt dennoch dürftig. Solide wirtschaften können andere auch: die FDP, die SPD, die Grünen. Das haben sie in ihren besten Zeiten auch schon bewiesen, manchmal (wie in Bremen oder Berlin) auch das Gegenteil. Und dass die CDU in puncto Wirtschaftskompetenz gut abschneidet, erwarteten wir sowieso, wenngleich die ordnungspolitische Verwirrung innerhalb der CDU (wir erinnern uns an die Opel-Subventionen oder die Rüttgers-Demos gegen Nokia) bereits stark zugenommen hat und sie energiepolitisch mit Deutschlands Wirtschaft gegenwärtig Vabanque spielt.
 
Wieso also CDU wählen? Sie steht (Danke, Frau Merkel!) unbeirrt für klaren, notfalls solidarischen  Europa-Kurs, und Sie haben dafür gute Argumente (siehe: http://www.kas.de/wf/de/33.23662/).  Immer galt als zudem als ausgemacht, dass die CDU vor allem für die 50 Millionen Christen in Deutschland eine politische Heimat sein wollte und für eine christlich begründete, freie Gesellschaft focht. Das ist so klar nicht mehr, seit die CDU machtpolitisch nach allen Seiten schielt (das sieht, um beim Bild zu bleiben, übrigens nicht schön aus), die Muslime (zu Recht) als Stimmreservoir entdeckt hat und das Christliche deshalb (zu Unrecht) relativiert. Auch war sie Garant einer Familienpolitik, in der die Ehe besondere Förderung genoss und eine Kindererziehung privilegiert war, die die Eltern selbst vornahmen. Die Signale der finanziellen Förderung der CDU aber galten zuletzt eher berufstätigen Eltern, deren Kinder tagsüber in staatliche Obhut gelangen. Des Weiteren: Die CDU stand für eine solide Bildungspolitik – hat aber die Rechtschreibreform oder das 12jährige Gymnasium ebenso schnell mitgemacht wie sie bei Koalitionen in den Ländern das Bildungsressort mit Vorliebe an den jeweiligen Partner abgibt.
 
Die Antwort auf solche Einwände lautet meist: Die Gesellschaft hat sich eben geändert. Mahner werden als rand- und rückständige Konservative abgetan. Das mögen die Niedersachsen nicht, und ihre Sache sind auch nicht schnelle Überzeugungs-Volten je nach Machtlage. Noch ist ja auch nicht ausgemacht, ob nicht das Tradierte zur neuen Moderne mutiert. Wenn Sie also in Winsen reden: Bedenken Sie das, damit die Wahlenthaltung nicht noch steigt.Stets IhrMichael Rutz

(Die „Briefe an die Kanzlerin“ erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

Wutbürger, Mutbürger

Man kann die Gesellschaft für deutsche Sprache gar nicht genug loben. Immer wieder gelingt es ihr, jenen Begriff eines Jahres zu kondensieren, der dessen historische Substanz ausmacht. 2009, als wir die vorzeitige mutwillige Zerstörung volkswirtschaftlicher Güter mit Staatsgeldern belohnten, war es die „Abwrackprämie“. 2010 hätte man bei ungenauem Hinhören meinen können, da werde als „Wort des Jahres“ der Gutbürger, gar der Mutbürger verkündet. Das hätte uns irritiert, denn von Zukunftsmut hatten wir nichts bemerkt. Aber nein, der Nachrichtensprecher sagte: „Wutbürger“.
Da haben wir uns dann doch im Innersten zuhause gefühlt. Denn so war das Jahr. Überall in Deutschland waren die Menschen wütend und haben das in Tausenden von Demonstrationen, Bürgerinitiativen und Blockaden zum Ausdruck gebracht, die – folgte man ihrem Begehr – Deutschland mühelos zum Stillstand brächten. In 0,18 Sekunden wirft Google 52 800 Einträge zum „Bürgerprotest“ aus, und es sind nicht die Chaoten von Attac, die da unterwegs sind. Nein, der brave deutsche Mittelstandsbürger ist in diesem Jahr aus seiner obrigkeitshörigen Lethargie aufgestanden, hat in Stuttgart und anderswo Mut zur Wut bewiesen – zur kleinsten Münze also des Widerstands, die kostenfrei hergegeben werden kann lange, bevor eine Tat gefordert wird.
Wut hat den Vorteil, dass sie, falls man sie gut organisiert, bemerkt wird. Die Medien lieben die Bürgerwut, weil mit Emotionen im Fernsehbild und in der Print-Schlagzeile so gut zu handeln ist. Wut macht Konflikte anschaulich und den Protestanten berühmt. Der Abgeordnete in Gemeinde-, Land- oder Bundesparlamenten ist dagegen ein Ausbund von Langeweile, ein bleicher Aktenfresser in wohlstrukurierten Verwaltungsprozessen einer mühsamen repräsentativen und damit mangels Protestelementen irgendwie schalen indirekten Demokratie.
Wir wollen, das walte Heiner, mehr Elemente direkter Bürgerbeteiligung. Der Staat ist schließlich selbst schuld. Warum auch lässt er zu, dass die Dinge weltweit und auch zuhause so kompliziert sind? Warum braucht er zu allem so lange? Warum wird über alles ewig debattiert? Wir sind respektlos geworden den Regierenden gegenüber, und respektlos wird – das hat Peter Sloterdijk ja in seinen schönen Betrachtungen über den zupackenden Staat so treffend geschrieben – „wer das Bestehende als Resultat eines initialen Unrechts zu durchschauen glaubt.“
So gesehen stehen wir erst am Anfang von Respektlosigkeit und Bürgerwut. Am stärksten ist das Unrecht im Steuerstaat, der sich mehr nimmt, als ein wohl verstandener Staat sich nehmen sollte. Die Summe aller Steuern und Abgaben  frisst beim ganz normalen Mittelstands-Steuerzahler längst mehr als die Hälfte der Einkünfte auf. Die Abzüge steigen und steigen, die Umverteilung auch und mit ihr das Sozialbudget, denn die legislativen Protagonisten des Staates werfen sich immer neu in Positur und versuchen bei den Transferempfängern auf Steuerzahlers Kosten Eindruck zu schinden und Abhängigkeiten aufzubauen.
„Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen auf Kosten der Armen, so kann es dahin kommen, dass die Unproduktiven auf Kosten der Produktiven leben – und dies so, dass sie gesagt bekommen, und glauben, man tue ihnen unrecht und schulde ihnen mehr“, schreibt Sloterdijk, der die zeitgenössische Form der Sozialen Marktwirtschaft denn auch treffend einen „massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage“ nennt, Geldschöpfung ist längst zur Geldschröpfung verkommen.
Auch vor uns wütende Zeiten: Die Bürger wissen, dass im Maße aller alten und auch neuen schuldenfinanzierten Wohltaten (eben erst wieder in Nordrhein-Westfalen) sie selbst enteignet werden. Das wird zwar mit großem semantischen Erfindungsreichtum verbrämt – mindestens nennt man derlei „Solidaritätszuschlag“ oder ordnet eine zusätzliche Abgabe vorübergehend einem idealistischen Ziel („Umweltabgabe“) zu, bei dem Gutmenschen gemeinhin zu applaudieren pflegen oder gegen das aus Gründen der politischen Correctness (noch) kein Widerstand gewagt wird.
Die Regierenden aber seien gewarnt: Wer bei irgendeinem Kopfbahnhof schon die repräsentative Demokratie abräumt und Kompromisse mit Milliardenaufwand erkauft, der hat keinen Anspruch darauf, dass das geschröpfte deutsche Bürgertum die ausgeuferte Art deutscher Verteilungs-„Gerechtigkeit“ der politischen Kleptokraten weiter ungerührt und freudig zahlend hinnimmt, jenes „nehmenden Ungeheuers, auf dessen Rücken das aktuelle System der Daseinsvorsorge reitet“ (Sloterdijk). Die Klatsche für die CDU (zugunsten der FDP) bei den letzten Bundestagswahlen war nur ein erstes Zeichen.
Und es wird nicht ausreichen, die Schuld für die zunehmende Steuer- und Abgabenbedrückung des bürgerlichen Mittelstandes auf unsolide Banken oder Staaten abzuschieben. Die Entscheidungen über Solidität und Unsolidität fallen von je her im Lande, auch dann, wenn die Kanzlerin ihre Stimme letztlich in Brüssel abgibt. Deshalb liegt auch die Verantwortung hier. Sie gebietet jetzt im Aufschwung, die staatlichen Ausgaben massiver zurückzufahren, um dem geschröpften Mittelstand Leistungsmut zurückzugeben. Denn auch die Produktiven im Lande haben Schutz verdient, und Peter Sloterdijk war 2010 ihr bester Apologet.

Menschenbildung durch klassische Sprachen

Schulbildung heute – sie wird immer mehr auf das unmittelbar Nützliche reduziert. Sie dient, und das ist ja nicht das Schlechteste, also lebenspraktischen Resultat von Wissensvermittlung, sie gibt Orientierungsfähigkeit.
Ein anderes Hauptziel der Erziehung gerät dabei ins Hintertreffen: Die Eigenschaften junger Menschen so auszuformen, dass eine Persönlichkeit aus ihnen wird; sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, mit deren Hilfe sie von der Gesellschaft und die Gesellschaft  von ihnen profitiert.  Jeder hat, was das anlangt, andere Defizite. Erziehung ist also ein kompensatorischer Prozess, und der Erziehungsprozess auch in der Schule muss sich danach richten.
Dabei dürfen Tugenden nicht zu Untugenden werden. Es ist gut, vom Wert der Freiheit zu reden – aber zugleich darf nicht Beliebigkeit gemeint sein. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffspaaren Eigenständigkeit und Egoismus, Gerechtigkeitssinn und Selbstgerechtigkeit, mit Muße und Schlendrian, mit Ordnungsliebe und Ordnungszwang, mit Erwerbsstreben und sozialer Rücksichtslosigkeit.
Das Erziehungsziel also wäre klar. Aber der Blick in die Praxis zeigt, dass die Antworten in den immer neuen Curricula und Stundentafeln, die den Eltern, Schülern und Lehrern als Früchte der bildungspolitischen Debatte um die Ohren fliegen, nicht gegeben werden. Dann stellt man fest: Erziehung lässt sich eben nicht ständig neu erfinden.

 

Der Ursprung der Pädagogik

Worum es geht, ist im Konstrukt der vorchristlichen griechischen Theologie ja in der Sage von Prometheus schön erzählt. Als die menschliche Gestalt und die menschliche Seele geformt waren und Pallas Athene dem „beseelten Erdenkloß“ den Geist eingehaucht hatte, betätigte sich Prometheus pädagogisch: „Er lehrte sie“, heißt es in der Sage, „den rechten Gebrauch aller Gaben des Himmlischen, lehrte sie sehen und hören, nach dem Wandel der Gestirne den Tag einteilen und den Jahresablauf in der ewig wechselnden Schönheit seiner Zeiten erleben.“ Sie sollten nicht nur  um das Nützliche, sondern auch
um das Gute und Schöne wissen. Und indem er den Göttern (gegen  die schwere Strafe der aus Pandoras Büchse entfliehenden Krankheiten) auch noch das Feuer abjagte, führt Prometheus auch vor, dass manche schwere Entscheidung nicht gesinnungsethisch, sondern nur verantwortungsethisch zu treffen ist und also nicht einfach Wissen, sondern Maßstäbe voraussetzt. Auch das lehrt die Prometheus-Sage: Man muß auch den Mut haben, andere zu befeuern, ihnen Ideen, Lebensziele, Lebensmut, ihnen Schwung und Selbstverantwortung einzubrennen, wenn man auch die Nebenwirkungen nicht immer abschätzen kann.
Bildung ist also viel mehr als „Vielwissen“, es geht auch nicht nur um ethische Maßstäbe: Bilden heißt, auch vom Wahren, Guten und Schönen zu reden, auch vom Glauben an eine Kraft diesseits des Menschenmöglichen, an Hoffnung und Liebe. Und eine Kultur insgesamt wird durch ein Ethos geprägt, das sich in Sprache vermittelt, aber eben auch durch ihre Religion, und wo ließe sich das deutlicher nachsehen als im abendländisch – christlichen Kulturkreis.

Für eine seelische Stabilität

Maßstäbe jenseits des nützlichen Wissens geben einer Persönlichkeit Halt. Sie machen es leichter, Zeiten seelischer Instabilität zu überstehen. Wer in vielfältige Aktivitäten hineingezogen ist jenseits des Leistungsdrucks, nämlich in Kunst und Musik, in Sport und Natur, dessen Gemeinschaftssinn wird sich entwickeln.
Deshalb ist es so wichtig, nicht eine Sache nur um ihrer selbst willen zu tun, sondern bei allem nach dem Prinzip, dem Grund, nach dem Sinn zu fragen. Deshalb ist es so wichtig, neben dem Faktenwissen Haltungen zu vermitteln und Werte. Dafür aber braucht es, neben der Vermittlunf von Orientierungswissen, Zeit.
Daher ist es der verkehrte Weg, nun bundesweit einheitlich nach dem 12. Schuljahr das Abitur anzustreben. Das ist nur durch eine Verengung der Bildungsvermittlung möglich. So wird rigoros gestrichen, wo das unmittelbar Nützliche nicht sofort augenscheinlich ist: eine Schule nur mit einem Minimum an Musik oder an Kunstunterricht, an Religion, vielleicht auch eine Schule ohne zweite Fremdsprache als Pflicht.

Latein und seine Vorzüge

Folgerichtig wird auch (wqeil das Englische ja so unabweisbare nützlich ist) Hand ans Lateinische gelegt, selbst in  Bayern. Angezeigt wäre, die Kenntnis dieser Basissprache auszuweiten – und daran müßte gerade jenen gelegen sein, die junge Menschen für eine moderne, mobile und globale Gesellschaft befähigen wollen. Die Gründe:
          Selbst Neuphilologen halten Latein für ein ihren Sprachen höchst nützliches gymnasiales Basisfach, dessen Vorteile am besten als erste  Fremdsprache auszuschöpfen sind.
          Latein vermittelt die Tugenden der Zielstrebigkeit, des Konzentrationsvermögens, es lehrt logisches Denken: All das hilft in allen anderen Fächern – und später im Leben.
          Latein führt hin zu jenen Wurzeln, die unsere europäische Gegenwart im Geistesleben oder in den Künsten am meisten belebt haben.
          Latein: Auf dieser Schiene hat sich auch das griechische philosophische Erbe in Europa verbreitet, also die Ausprägung des theoretischen Denkens, das Denken zwischen Ursprung und Ziel und das zyklische Weltbild.

Der geschichtliche Hintergrund

Latein hat zudem neben aller Nützlichkeit für das Verständnis der deutschen und anderer moderner Sprachen den großen Vorzug, jenes Geschichtsverständnis zu schaffen, das allein uns unsere heutige politische und geisteswissenschaftliche Situation in Europa erklärt. So haben die Römer unsere Tradition zivilisierten staatspolitischen Denkens begründet, indem sie nicht einfach eine Stadt, am Tiber gründeten sondern, mit großem Sendungsbewustsein, gleich einen ganzen Staat. Die Prinzipien dieses grenzenlosen Reiches haben seither Bewunderer und Nachahmer gefunden. Sie sind, in ihrer Mischung aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie, noch immer Entwurf für unsere politische Zukunft.
Wir, die wir um die Stabilisierung des europäischen Kontinents ringen mit dem Ziel, das Ideal des freien Bürgers überall zu zementieren (wir haben insofern von der den Römern eigenen politischen Missionsfreude ja nichts eingebüßt), sollten den Blick immer wieder auf die Prinzipien dieser res publica werfen, ihre Grundlage also gemäß schriftlich niedergelegtem Recht, und nicht dem Recht autokratischer Willkür.
Die mit der prinzipienfesten Staatengründung einhergehende Expansionsfreude hat uns auch das Christentum gebracht: Hätten die Römer aus Palästina keine römische Provinz gemacht, wäre jener Jesus Christus nicht unter römischer Herrschaft und nach römischem Recht zum Tode verurteilt worden. So nun zogen seine Anhänger ins Zentrum des römischen Reiches – die Konsequenzen dieses Schrittes sind noch heute in Rom und im Vatikan zu besichtigen, dem Zentrum des lateinischen Christentums, und von dort verbreitete sich die Botschaft auf der  Schiene der lateinischen Sprache zu den Slaven, den Germanen, den Kelten und dem Romanen. Und hätte Kaiser Theodosius 395 nicht sein Reich unter seinen zwei Söhnen aufgeteilt,  würde Ostrom nicht entstanden und die griechische Sprache würde im Kirchendienst nicht gegen das Lateinische in Anschlag gebracht worden sein.
Das Ereignis war folgenschwer und trifft uns noch heute empfindlich: Die Grenze zwischen Ost- und Westrom, zwischen lateinischer Christenheit hier und griechisch-orthodoxer Christenheit und dem Islam dort verläuft auf dem Balkan, noch heute eine Kristallisationslinie friedenszerstörender und verlustreicher Auseinandersetzungen.

Das innere Band Europas

Was also macht unverwandte innere Festigkeit des lateinisch-westlichen Kulturkreises aus? Ist es die Kombination aus den Ideen einer res publica mit der Stabilität einer römisch-katholischen Kirche, die ihre jeweiligen Krisen nie gleichzeitig erlebten, zweier Staatswesen, die ineinandergriffen und sich in Fragen des Menschenbildes, in Sittenfragen, in Fragen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortung gegenseitig abglichen und die doch getrennt voneinander agieren?
Wie auch immer: Jedenfalls war es die lateinische Sprache, die uns über Jahrtausende diese Tradition sicherte: Ein dichtes Netz von Ordensleuten und Klöstern mit ihrem immensen wissenschaftlichen Fleiß, mit vorzüglichen Bibliotheken, kurz: mit der Fähigkeit, Traditionen, Wissen und Werte zu kumulieren statt zu zerstören.
So hat, in allen geschichtlichen Widrigkeiten, die Idee des Humanismus stets überlebt. Nur deshalb konnten auch die Teile Europas – gerade in jüngeren Jahren – immer wieder zu dieser Tradition der Freiheit zurückfinden. Aber auch diese Idee wird  nur leben, wenn die Wurzeln lebendig bleiben: Das Christentum einerseits, andererseits aber eben die Kenntnis und generationenhaft immer neue Erkenntnis unserer Geschichte und der uns tragenden Werte und Staatsideen. Nur so wird es gelingen, eine friedliche Zukunft der europäischen Staaten zu sichern. Und wer Europa sichern will, muss seine sprachliche Basis kennen – das Lateinische.

Für Europa: das Europäische Gymnasium

Wir haben das Ziel Europa noch längst nicht erreicht. Wir sind sogar in Gefahr, stillzustehen, ja zurückzufallen, weil sich in der gegenwärtigen europäischen Politik nicht mehr viele finden, die Politik aus Visionen abzuleiten verstehen – Visionen, die wiederum ihren Ursprung in  wirklicher Kenntnis und Inkorporation des christlich-abendländischen Europa haben und in Würdigung seiner Verdienste.
Es ist gar kein Zweifel, dass Europa seine gemeinsamen Kräfte zusammennehmen muss. Europa kann unter den Kulturen der Welt keinen selbstverständlichen Führungsanspruch mehr geltend machen. Es läuft vielmehr Gefahr, in der von Samuel Huntington beschriebenen rivalisierenden Auseinandersetzung unwiderruflich seine Vorherrschaft zu verlieren.
Umso wichtiger wird es sein, wenigstens Europas relative Stärke zu erhalten. Die Bildungspolitik hat an seinem solchen Weg erheblichen Anteil. Hans Georg Gadamer hat, kürzlich auf die politische Bedeutung der Bildung verwiesen. „Wir leben ja“, hat er gesagt, „in einer Weltenstunde, in der es nicht nur um Bildungsfragen geht, sondern um das weit größere Thema … Es geht darum, humane Solidarität zu erlernen und Einigkeit, auch wenn wir verschiedenen Kulturen und Sprachwelten angehören. Es gilt zu lernen, was ein guter Nachbar ist.“
Solche Bildung freilich scheint heute nicht derart im Kurs steht wie in Natur- oder Computerwissenschaften. Es sind ja oft dieselben Kultusminister, die von Allgemeinbildung und Werteerziehung und Generalistentum reden und die sich doch dem Diktat derer unterwerfen, die von der Schule sofort erkennbare Nützlichkeit verlangen. Deshalb: Mein Nützlichkeitspostulat ist, den Schulabsolventen zu schaffen, der die europäische Idee begreift und begeistert wird, dazu beizutragen; der europäische Geschichte, der europäische politische Bildung lernt; dem die Sprachen unserer Nachbarn deshalb leicht fallen, weil die Altphilologen Gelegenheit hatten, als breites Fundament eine altsprachliche Basis zu schaffen, auf der das Englische, das Französische oder auch das Spanische rasch gedeihen. Das künftige Europa also auf der Basis des Lateinischen: Machen wir uns auf, an die Stelle eines rückwärtsgewandten humanistischen Gymnasium herkömmlicher Prägung ein Europäisches Gymnasium zu setzen, das den Blick nach vorne richtet, auf den lebendigen Umgang mit der geschichtlichen und sprachlichen Basis und die Konsequenzen daraus.
Es wäre zugleich nützlich, human und gesellschaftspolitisch ästethisch, wenn unsere Ausbildung wieder zu Humboldt´schen Zielen aufbräche, von der sie gegenwärtig weit entfernt ist: „Der wahre Zweck des Menschen“, hat Humboldt gesagt, „ist die proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“
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