Heimat ist die Region

Feuilletonisten und Kabarettisten sind dabei, sich auf Horst Seehofer einzuschießen. Nicht, weil er Innenminister ist, sondern weil er seinem Ressort noch die Zuständigkeit für „Heimat“ zugefügt hat. Mit diesem Begriff kann eine Branche, die sich für die Avantgarde des politisch Zeitgemäßen und Zukunftsfähigen hält, nichts anfangen. Heimat, das ist für sie Symbol rückwärtsgewandten Denkens in einem Land mit andauernder Neigung zur Romantik und damit einer Unlust, allein die Prinzipien der Vernunft gelten zu lassen. Und deshalb kann man im Feuilleton lesen, man solle den Begriff doch dem rechten Rand überlassen.

Das ist natürlich blühender Unsinn. Wenn 100 Prozent der Bundesbürger eine klare Vorstellung von diesem Begriff haben, wird man ihn ihnen nicht austreiben können und dürfen zumal dann, wenn er positiv besetzt ist. Verdienstvoller Weise hat sich das Institut für Demoskopie in Allensbach jetzt dieser Frage angenommen und (im Auftrag der FAZ) herausgefunden, dass Heimat für die meisten Menschen einen wichtigen inneren Anker darstellt. Mehr als 80 Prozent verbinden damit Kindheit, Familie und Freunde, mehr als 70 Prozent die Erinnerung an alte Zeiten, Speisen, Gerichte und Geborgenheit. Nur 20 Prozent kombinieren „Heimat“ mit Vorstellungen von Spießigkeit und Enge, wie es aber offensichtlich viele schicke Intellektuelle tun. Sie liegen, wie man sieht, falsch.

Auch für die Debatte um die weitere Entwicklung Europas sind diese Ergebnisse von Belang. Eine weitere Integration Europas müsse schon daran scheitern, dass ein europäischer Bundesstaat den Menschen die Heimat wegnehme, für die sie ihre eigene Nation hielten. Zumindest für Deutschland trifft das nicht zu: Nur sieben Prozent denken bei „Heimat“ an Deutschland, die Mehrheit der Befragten assoziiert damit ihren eigenen Wohnort, ihren Geburtstort oder die Region, in der sie aufgewachsen sind oder leben. Ein Europa der Regionen: Darauf käme es an, die Nation erscheint den Menschen eher entbehrlich.

Daran knüpfen die Menschen auch Erwartungen an ein „Heimatministerium“: Es soll sich um die Aufwertung der Regionen kümmern, um gleichwertige Lebensverhältnisse, um die ärztliche Versorgung, und die regionalen Bräuche und Traditionen. Die Region soll leben, ihre Region, ihr Lebensraum. Ob sich darüber eine Nation oder ein europäisches Ganzes wölbt, ist eher gleichgültig.

Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Denn sie beweist, das Nationalismus in Deutschland keine starke Basis hat. Sie ist auch ein Zeichen dafür, dass die Europa-Politiker für das wichtige europäische Projekt die Trommel ruhig etwas lauter und selbstbewusster rühren dürften. Solange sie die Heimat, nämlich die Region, dabei in Frieden lassen oder gar stärken, werden die Menschen ihnen folgen.

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