Heiliger Zorn

Papst Franziskus hat sich die Herzen der Menschen mit seiner ehrlichen Art erobert. Seine Gedankenwelt wird weniger von wissenschaftlichem Bemühen, sondern von Gefühlen darüber bestimmt, was richtig und falsch ist. Und so findet er den Zustand dieser Welt, in der Umweltverschmutzung und Klimawandel, Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Verlust der ökologischen Vielfalt, Verschlechterung der Lebensqualität und ein von ihm beobachteter globaler sozialer Niedergang Zukunftschancen des Planeten verspielen, zu Recht unerträglich.

In seiner Ökologie-Enzyklika „Laudato si“ hat Papst Franziskus sich das alles jetzt vom Herzen geschrieben. Das Werk ist ein Aufschrei des Papstes, und der Zustand der Welt kann diesen Bündnispartner auch gut gebrauchen. Dem Papst hört man zu, sein Wort hat weltweit Gewicht.

Neue Freunde wird er vor allem unter den Linken der Welt gewonnen haben, man braucht künftig für beliebige Systemkritik nur aus dieser Enzyklika zitieren: für weltweiten Schuldenerlass, gegen das Wirtschaftssystem, gegen eigene Anstrengung, für ein Solidaritätsnetz aus voraussetzungslosem Nehmen, gegen beliebig definierten „Reichtum“ und „Luxus“, gegen Armut. Franziskus’ heiliger Zorn trifft alle Lieblingsfeinde des linken Spektrums: Den Kapitalismus, die Marktwirtschaft, die Konzerne, das Finanzsystem, das Gewinnstreben, die Globalisierung, die Atomkraft, die fossilen Energien, die Biotechnologie, das „technokratische Paradigma“, den „fehlgeleiteten Anthropozentrismus“.

Was aber wären die Alternativen? Dazu ist diese Enzyklika wenig lichtvoll. Ihre Systemkritik ist zu fundamental, als dass Platz wäre für differenzierende Gedanken etwa zu sinnvollen Anreizsystemen für eine Güterproduktion, die nicht nach planwirtschaftlicher Diktatur funktioniert und dennoch ökologisch nachhaltig ist. Sie würdigt nicht die Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft. Sie wägt nicht die Vorteile der dem Menschen innewohnenden Neigung, nicht nur sein Überleben zu sichern, sondern seinen Vorteil zu suchen. Sie lässt Grenzverletzungen und Annexionen und allerlei Kriegsgründe außer Betracht, die zu Armut und Flüchtlingsströmen beitragen. Sie gibt keinen Hinweis darauf, wie man unfähige und korrupte Regierungen, die aus reichen Ländern arme Länder gemacht haben, wieder los wird. Sie würdigt nicht demokratische Strukturen, deren Mechanismus zur Versachlichung von Entscheidungen beiträgt.

So bleibt dem Papst nichts anderes, als nach einer Art Weltregierung zu rufen, die alles ethisch richtig macht, weshalb er „dringlich“ aufruft „zu einem neuen Dialog über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.“ Dem Politiker freilich, der konkret und jetzt handeln muss, ist die Enzyklika wenig dienlich. Eher im Gegenteil: Sie macht dem, der rational vorgehen will, das Geschäft schwieriger, weil sie jenen Auftrieb gibt, die mit Emotionen eine undemokratische Empörungskultur schüren.

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