Meinungsstark, rechercheschwach. Brief an die Kanzlerin, 32

Liebe Frau Merkel,

die letzten Wochen waren eher ruhig. Medienflaute, von ein paar aufgeblasenen „Lebensmittelskandalen“ abgesehen.  Immerhin, Sie haben mal eben eine Ministerin verloren und begleiteten Annette Schavan mit Respekt aus dem Amt. Sie war eine fähige Ministerin, ihr Amtsverzicht ein eigentlich unfassbarer Vorgang in einer an kompetenten, geradlinigen, begabten Politikern nicht reichen Landschaft. Zurückgetreten ist sie, weil eben jene Medien ihr keine Ruhe gelassen hätten, die ihren Abgang jetzt noch gnadenhalber mit Achtung quittierten, ohne Schmähungen, wie man sie sonst kennt, da die mediale Hinrichtung zur beliebten choreografischen Figur geworden ist.  Jagen – und Erlegen. Fast hätte es bei Brüderle geklappt, fast bei Philipp Rösler. Beide konnten sich retten, weil grandiosere Nachrichten Aufmerksamkeit beanspruchten.

Wird sich der Medienwahlkampf auf diesem Niveau abspielen? Wird die emotionale Erstbesteigung eines Themas  die sachliche Erörterung verdrängen? Wie wirkt sich das, beispielsweise, auf Ihr Leitthema für diesen Wahlkampf, die Energiewende, aus? In den Zeitungen lese ich derzeit viel über „Fracking“, also über die Förderung von Öl und Gas aus Schiefergestein, das mit einem Cocktail aus Wasser, Sand und Chemikalien durchspült wird. Jeder, den man darauf anspricht, sagt: Da muss man dagegen sein. Keiner aber kennt sich wirklich aus und hat sich informiert.

Der Wasserwirtschaftler Professor Dr. Joachim Wolff von der TU in Braunschweig beispielsweise kennt sich aus. Der sagt: Finger weg vom Fracking in Wasser- und Naturschutzgebieten, weil fehlerhafter Umgang mit dieser Technik riskant sein kann für den Boden und das Grundwasser. Das liegt,  vor allem, der chemische Anteil im Hochdruck-Cocktail. Wolff sagt aber auch: „Es wird derzeit daran gearbeitet, diese Chemikalie zu ersetzen.“ Wenn das gelänge, ließe sich dann darüber reden?

In Wasserschutzgebieten bestimmt nicht, weil selbst ohne Chemikalien allein durch die Bohrung  noch die Gefahr bestünde, Salzschichten mit Trinkwasserschichten in Verbindung zu bringen – auch das eine Verseuchung von Trinkwasservorkommen. Aber ob wir es tun oder nicht: Das Fracking wird sich weltweit durchsetzen. Die Vereinigten Staaten beziehen jetzt schon ein Viertel ihres Öls mit dieser Methode und steigen damit gerade zur größten Ölmacht der Welt auf. Das ist ja schon etwas, nachdem uns seit ewigen Zeiten vorgebetet wird, die fossilen Energievorkommen neigten sich dem Ende zu.

Das Gegenteil scheint richtig: China und viele andere Staaten der Welt, beispielsweise Polen, besitzen enorme Vorkommen an Schieferöl und Schiefergas. Bis 2035, so rechnet die Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers vor, werde sich die Produktion auf 14 Millionen Barrel jährlich versiebenfachen. Der Ölpreis wird weltweit sinken, die Abhängigkeit von politisch prekären Öl- und Gasstaaten auch. Fracking als Chance.

Daran sollte auch mal denken, wer in Deutschland eine Energiewende will. Und immer empfiehlt sich bei komplizierten Themen: Lieber recherchestark und meinungsschwach als umgekehrt.

 

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt am 21.2.2013)

 

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