Die Schlaffis der EM: Brief an die Kanzlerin, 22

Liebe Frau Merkel,

welche Woche! Als hätten es die Kohlrabi in meinem Garten geahnt, dass man in diesen Tagen genau hinhören muss in Europa, haben sie statt ordentlicher Knollen elefantenohrengroße Blätter entwickelt wie einst die Horchposten im Kalten Krieg. Eine von mir fehlerhafte Überdüngung, die sie hat vergessen lassen, eigene Kraft zu entwickeln. Weniger wäre also mehr gewesen, wie ja überhaupt die Schere des Gärtners liebstes Werkzeug ist –  je schärfer man die Pflanzen zurückschneidet, umso kräftiger wachsen sie anschließend. Für die südlichen Staaten im Euro-Garten hätte das Vorbild sein können: Bisher aber waren dort die Reformen, der Rückschnitt also, nicht entschieden genug, wenn sich das nicht ändert, werden Ihre (unsere) Milliarden, Frau Merkel,  da verpuffen.

Wer also mit Elefantenschlappohren in Europa zugehorcht hat, hat bemerkt, dass Sie die vergangene Brüsseler Woche zum geschichtlichen Markstein haben werden lassen: Europa hat sich auf den Weg zum Bundesstaat begeben, zu einheitlicher Finanz- und Wirtschaftspolitik samt nachfolgender Demokratisierung. Das ist sowieso richtig als einzig mögliche Antwort auf Europas zukünftiges Gewicht in der Weltpolitik.

Aber man könnte auch sagen: Die Minderung nationalstaatlicher Macht kann kein großer Schaden mehr sein, wenn die eigenen Fussballnationalspieler keinen Bock mehr auf das Absingen der deutschen Nationalhymne haben. Für jeden sichtbar, wollten sie im Warschauer Stadion Deutschland „im Glanze dieses Glückes“  aus Einigkeit und Recht und Freiheit nicht blühen lassen. Ganz anders die italienischen Kicker, sängerisch inbrünstig und dramaturgisch effektvoll:  „Brüder Italiens, Italien hat sich erhoben, und hat mit dem Helm des Scipio sich das Haupt geschmückt. Wo ist Victoria?“ Kein Wunder, dass die Siegesgöttin lieber den Tifosi ihr Haupt zuneigte als den deutschen Schlaffis, die vermutlich von Scipio noch nie etwas gehört haben und Victoria nur als ansehnliche Gemahlin von David Beckham kennen.

Also geht das mit Europa in Ordnung. Im Deutschlandfunk spielen sie zum Tagesausklang jede Nacht vorsichtshalber schon die Europahymne, das sollten Sie als Bundeskanzlerin einmal öffentlich loben. „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium!“ Elysium? Lieber Basti, lieber Lukas, das ist das Synonym für eine paradiesgleiche Insel der Seligen, auf der die Götter Helden versammeln, denen sie Unsterblichkeit schenken. Sorry, aber ihr gehört nach der EM-Pleite nicht mehr dazu.

Aber fangt schon mal an, für die nächste EM die europäische Nationalhymne zu büffeln, die man dann gewiss eingangs singen wird. Zum Beispiel die dritte Strophe: „ Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr. Blumen lockt sie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament, Sphären rollt sie in den Räumen, die des Sehers Rohr nicht kennt.“  Das ist Original Schiller, Friedrich. Wer?

Frau Merkel, reden Sie mal mit Jogi Löw. Wenn Fussballunterricht schon nicht viel geholfen hat, vielleicht tut`s Staatsbürgerkunde.

(veröffentlicht in ZEIT/CuW am 5. Juli 2012)

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