Von der Medienwirkung: Brief an die Kanzlerin, 17

Liebe Frau Merkel,

als hätten Sie mit Europa und der Bundespräsidentenwahl nicht schon Probleme genug gehabt,  drängt sich jetzt auch noch eine Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen herein. Am 13. Mai soll dort gewählt werden, nach der Wahl im Saarland am 25. März und der in Schleswig Holstein am 6. Mai.   Die Gefahr ist groß, dass die CDU im Saarland und in Schleswig-Holstein die Macht verliert und sie in Nordrhein-Westfalen nicht gewinnt.

Zu Teilen mag das am CDU- Personal liegen, das nicht mediengängig ist. Frau Kramp-Karrenbauer im Saarland hat den Umgang mit den Fernsehkameras noch nicht gelernt und blickt bei Interviews zielsicher darüber hinweg. Jost de Jager in Schleswig Holstein ist diesbezüglich dem bundespolitisch versierten Thorsten Albig von der SPD unterlegen. Und Norbert Röttgen wirkt immer wie ein Einserschüler, dessen sichtbarer Ehrgeiz sich als Sympathiebarriere erweist.

Ohne Fernsehen ist aber kein Wahlerfolg zu machen. Jeder Erwachsene schaut mehr als drei Stunden täglich fern, von dort bezieht er seine politischen Einstellungen. Die aber werden in diesem Medium nicht über die Informationen geformt, sondern über Emotionen. Fernsehen ist ein bildhaftes Medium, Bilder transportieren Gefühle, Talkshowgäste auch. Wer es nicht schafft, dort charismatisch und sympathisch zu wirken, der hat schon verloren.

Auf andere Medien ist ja auch kein Verlass mehr. Man kennt nicht einmal mehr das Gegenüber. Früher bestimmten wenige Zeitungs-Großverlage die Landschaft. Heute beachtet ein Großteil der jüngeren Wähler die Zeitung schon gar nicht mehr, sondern bedient sich im Internet. 250 Millionen Webseiten weltweit sind ein Tummelplatz für Klein- und manchmal auch schon Großverleger, ein riesiger Informations-und Meinungsmarkt. In der Kombination mit den sogenannten Social Media, allen voran Facebook, bieten sich da ganz neue, schlagkräftige und auch finanziell praktisch barrierefreie Möglichkeiten der Kommunikation, deren Akteur, aber auch deren nachhaltiges Opfer man werden kann.

Da muss man sich gut überlegen, was man mit einer Botschaft macht. Ein Fehler nur, und die ganze Kommunikationsanstrengung  ist kontraproduktiv. Für welche Zielgruppe ist meine Botschaft gedacht? Mit welchem Medium erreiche ich sie? Wer ist der ideale Botschafter? Wie muss man die Botschaft formulieren?

Hinzu kommt, dass man von den deutschen Fernsehanstalten journalistische Äquidistanz  nicht mehr erwarten kann. Journalisten begreifen sich vielmehr als Akteure und machen aus ihren politischen Neigungen kein Hehl – ein verhängnisvoller Trend, der selbst schon die Tagesschau erfasst hat und der für die CDU beklagenswert ist, denn die Mehrheit der öffentlich-rechtlichen Programm-Macher sehen lieber rot-grün als schwarz-gelb. Im Takt täglicher Talkshows gerät das zum medialen Trommelfeuer, das Wirkung zeigt.

Da werden Sie Ihr Bodenpersonal nicht alleine lassen. Die nächsten acht Wochen werden Sie wohl mehr als Parteivorsitzende agieren denn als Kanzlerin, auch für Sie selbst geht es um viel. Wenn die CDU bei den Wahlen in diesem und im nächsten Jahr die Macht verliert, ist auch die Ihre dahin.

Auf Ihre Argumente sind wir gespannt.

(Die „Briefe an die Kanzlerin“ erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

 

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