Wahre und vorgebliche Motive: Brief an die Kanzlerin, 13

Liebe Frau Merkel,
 
den Jahreswechsel erleben wir stets als Zäsur: Man blickt zurück auf die vergangenen zwölf Monate und legt sich für das neue Jahr Wünsche zurecht. Diese Zwischenbilanz soll man gründlich unternehmen, denn sie hat ihren tieferen Sinn: Weil sie zur Unterscheidung des Wesentlichen zum Unwesentlichen zwingt, schafft sie Klarheit über die bedeutsamen Dinge im Leben und rückt Lebensentwürfe ins Lot. Auch als Staatsbürger ziehe ich diese Zwischenbilanz.
 
Rückblickend stelle ich dann fest, dass das vergangene Jahr eine politische Neuordnung Europas eingeleitet hat. Die Nation als politische Entität und damit auch die auf Nationen bezogene Demokratie sind an ihre Grenzen gestoßen. Uns wurde klar, dass in (mindestens) europäischen Wirtschafts- und Finanzstrukturen auch die politische Entscheidungslogik und deren demokratische Einhegung eine europäische sein muss. Deshalb wünsche ich mir für das neue Jahr, dass sich die Integration Europas fortsetzt, wirklich kraftvoll – vorangetrieben auch von Ihnen in dem guten Bewusstsein, dass das deutsche Vaterland in seiner historischen und kulturellen Identität und seinen spannenden Entwicklungsmöglichkeiten dabei keinen Schaden nehmen muss.
 
Was war noch? 2011 ist das Jahr gewesen, in dem die politische Kaste in Deutschland und Europa begriffen hat, dass sie die Folgen ihrer jahrzehntelangen finanzpolitischen Unsolidität selbst aufräumen muss und auch richtungsweisende Maßnahmen getroffen hat , wenn auch im sich immer noch neu verschuldenden Deutschland nicht entschieden genug. Ich wünsche mir von Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, dass sie diesen Weg mit noch größerer Entschiedenheit fortsetzen. Wir Bürger haben Angst, dass wir einen großen Crash erleben, der nichts als Armut erzeugt und vom dem wir rückblickend sagen müssten, dass ihn zu allererst unsere Politiker eingebrockt haben: durch falsches finanzpolitisches Handeln oder durch gesetzgeberisches und regulatorisches Unterlassen.
 
Eine dritte Beobachtung: 2011 war das Jahr, in dem einige deutsche Medien erneut (nach der Attacke auf Horst Köhler) das Amt des Bundespräsidenten angriffen. Wessen Geschäft besorgen sie damit? Die wahren Motive sind nicht die vorgeblichen. Christian Wulff hat ungeschickt gehandelt, aber nichts war illegitim oder gar illegal – soweit man heute sehen kann. Festzuhalten aber ist, dass Christian Wulff als Bundespräsident eine gute und kompetente Figur macht: Er hat zukunftswichtige Themen aufgegriffen, er und seine Frau Bettina sind das freundliche, junge, familienorientierte  Gesicht Deutschlands. Dass sich mit beiden auch eine gewisse Eleganz verbindet, was in nörglerischen protestantischen Kreisen schon wieder verdächtig zu sein scheint, finde ich für Deutschland erfreulich. Mein Wunsch wäre, dass all die, die jetzt im Chor der Kritiker singen, ihren eigenen Lebenswandel überprüfen, die Journalisten zum Beispiel, deren Eifer zu Journalistenrabatten allüberall ungebrochen ist.
 
Ihnen, liebe Frau Merkel, wünsche ich Gesundheit und Standfestigkeit für 2012. Es kommt auf Sie an, ich sehe trotz mancher Detailkritik niemanden, der gegenwärtig der bessere Kanzler wäre.
(Die „Briefe an die Kanzlerin“ erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)
 

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