Von Wachstum – und Friedrich Merz. Brief an die Kanzlerin, 20

Liebe Frau Merkel,

während ich diese Zeilen schreibe, verhandeln Sie in Camp David über Wachstumsprogramme. Mich plagen Wachstumssorgen zur Zeit nicht, aus dem Norden Deutschlands kann ich vielmehr vermelden: Hier wächst alles bestens. Die Kohlrabi haben zwei Wochen etwas gezögert, aber jetzt nehmen sie kräftig zu. Die Buschbohnen („Dublette“)  brechen gerade aus dem Boden. Bei den Tomaten (Sorten: „Caprese“ und „Harzfeuer“) entwickeln sich die Triebe kraftvoll.  Der Sellerie steht gut in seinem Grün, Gurken und Rettich („Albena“) ebenfalls. Prächtige Wachstumsraten zeigt auch der Salat („Archimedes“,  „Lollo rossa“, „Gala“). Aber auch hier, Frau Merkel, sind die Feinde des Wachstums nicht untätig. Bei mir gibt es keine gewalttätigen Großdemonstrationen, aus den Ecken der Salatbeete kriecht aber die gemeine Nacktschnecke,  die selbst im Biogarten nicht mit Bierfallen, sondern nur mit Schneckenzäunen, also klaren Abgrenzungsmaßnahmen,  zu besiegen ist.

Wachstum  braucht Pflege. Sie kämpfen völlig zu Recht um Strukturreformen und Sparsamkeit und gegen milliardenschwere Investitionsprogramme. Auch ich habe mich gegen  den großflächigen Düngereinsatz entschieden. Stattdessen sorge ich mich um die Wachstumsbedingungen: Regelmäßig jäten, den Boden lockern, gut wässern. Und wenn schon Dünger, dann ist weniger mehr. Aus der Benediktinerinnenabtei St. Maria in Fulda habe ich mir ein Kräuterpulver kommen lassen, das sie dort „Humofix“ genannt haben. Es besteht aus getrockneten, handgemörserten Kräutern, und zwar wilder Kamille, Löwenzahn, Baldrian, Schafgarbe, Brennnessel, desinfizierender Eichenrinde sowie Honig und Milchzucker. Ein Tütchen des Pulvers setzt man auf einen Liter Wasser an, um davon dann je zwei  Teelöffel auf einen Liter Gießwasser zu nehmen. Pure Homöopathie, aber die Benediktinerinnen schwören darauf. Vielleicht geben Sie Ihrem Kabinett davon mal zu trinken. Ein ganz reizender Sommer-Lesetipp dazu für Ihren Mecklenburger Garten, als Illustration einer ganz anderen Welt außerhalb aller Euro-Sorgen (aber vielleicht mit Rezepten dagegen):  „Ein Garten liegt verschwiegen…“, von Mely Kiyak, erschienen bei Hoffmann und Campe.

Meine Frau fragt mich, was wir eigentlich mit der ganzen Ernte machen wollen, zumal Salate dazu tendieren, alle auf einen Schlag fertigzuwerden. Wir werden Hamburger Freunde versorgen, und  die Wurzelgemüse und Äpfel werde ich in feuchten Sand einschlagen, wie früher. Und ich werde Gurken, Tomaten und Paprika  einlegen, Marmelade kochen. Also die Früchte des Wachstums für die Zukunft sichern.

Das sollten Sie auch tun. Dafür brauchen Sie freilich fähige, realistische Mitarbeiter. Mit ein wenig benediktinischer Versöhnungsbereitschaft kann es Ihnen gelingen, Friedrich Merz ins Kabinett zu holen, denn Wolfgang Schäuble sollte sich hauptberuflich um die marode Euro-Disziplin kümmern. Dann hätten Sie die Seele der CDU, die Wirtschaftskompetenz der Partei und die nach Norbert Röttgens berechtigtem Rauswurf verwundete NRW-CDU gleichermaßen balsamiert.

Es grüßt

Ihr Wachstumsfreund

Michael Rutz

(erschienen in: ZEIT/Christ und Welt 24.5.2012)

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