Dabke, Rating-Agenturen! Brief an die Kanzlerin, 14

Liebe Frau Merkel,

was ein Glück, dass jetzt die Ratingagenturen aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind. Kaum haben die Jungs ihre Laptops hochgeklappt, beginnen sie wieder fröhlich mit dem Herumstufen der Länder. Das hatten wir an der Krippe unterm Weihnachtsbaum schon schwer vermisst, denn in der Zwischenzeit waren die Zeitungen ja darauf angewiesen, Bonusmeilen und Oktoberfesteinladungen zu kriminalisieren, was gähnend langweilig war. Sie schlossen sich zu diesem Zwecke zu gar unerhörten Allianzen zusammen. Weil die Sache kein Skandal war, musste man wenigstens so tun, als sei es einer, die FAZ rückte solches Tun gar in die Nähe sizilianischer Mafiamethoden.
Derlei kann man aber nicht unendlich weit treiben, höchstens bis zum Bundespräsidenten. Hätten die Kollegen nämlich weiterrecherchiert, wäre ihnen ja aufgefallen, dass alle wesentlichen Journalisten des Landes und sowieso alle in München ihre sozialstatussichernden Oktoberfesteinladungen haben und sie überdies die dienstlichen Flüge privatim verbonusmeilen lassen. Das muss nun gottlob nicht mehr aufgedeckt werden, die Journalisten sind sozusagen vor sich selbst rechtzeitig zurückgeschreckt.
Die neuen Meldungen aus den Rating-Hauptquartieren lassen uns zurückkehren zum wirklich Wesentlichen im Leben: Dem Geld. Nix los ohne Moos. Die Herabstufungen erzeugen Streit, endlich, der Konflikt ist bekanntlich ein journalistisches Labsal, weil er eine serielle und nachhaltige Nachrichtenpfründe verspricht. Schon melden sich Politiker aller Länder und kommentieren das alles. Die einen halten die größte Krise nach dem zweiten Weltkrieg für gekommen. Denen sagt Herr Schäuble, das sei alles gar nicht wahr, alles sie völlig undramatisch, die Schwachstellen im System würden sowieso  binnen kurzem repariert.
Die Franzosen meinen herablassend, man solle diese Ratingleute gar nicht mehr ernst nehmen, und außerdem solle man die Gesetze so ändern, dass sich zum Beispiel die Versicherungskonzerne in ihrer Anlagepolitik von einem niedrigeren Rating nicht beeinflussen lassen müssen. Eine solche Äußerung ist, solidarischerweise,  auch von Ihnen, verehrte Frau Bundeskanzlerin, überliefert, obwohl man uns Deutsche doch agenturseits ob unserer Stabilitätspolitik über den grünen Klee gelobt hat: Musterhaft, diese Merkel-Truppe.
Die Wähler danken es Ihnen. Dem ZDF-Politbarometer entnehmen wir, dass 41 Prozent stimmungsmäßig ganz bei Ihnen sind. Wenn Sie so weitermachen, schafft die CDU die absolute Mehrheit. Zu diesem Behufe hier noch zwei Tipps. Er erste: Lassen Sie es nicht zu, dass Christian Wulff von übelgelaunten Journalisten aus dem Amt gekippt wird. Die Menschen im Lande haben mit ihrer Schwarmintelligenz schon gemerkt, dass da eine Medienkampagne unterwegs war (ist?) und wollen Sie, Frau Merkel,  deshalb deutlich solidarisch sehen.
Der zweite: Loben Sie die Ratingagenturen. Die haben die finanzpolitische Kehrtwende im Euro-Raum erzwungen und tun das weiterhin. Es nutzt ja nichts, den Postboten zu morden, nur weil einem der Briefinhalt nicht passt.

(Die “Briefe an die Kanzlerin” erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

Stolz auf Deutschland

Wir können stolz sein auf unser Land. Uns haben finanzpolitische Stürme umtost, die Medien haben sie mit Leidenschaft auf allen Kanälen angefacht, haben in unzähligen apokalyptischen Talkshows den greisen Untergangspropheten der Republik Raum gegeben. Dennoch blieb das Volk ruhig. Die Menschen im Lande gingen ihrer Arbeit nach, sie haben die Banken nicht gestürmt. Sie haben fleißig Geld ausgegeben und fahren ungestört in Urlaub. Auch unsere Unternehmen lassen sich nicht einschüchtern und melden für das kommende Jahr soeben stolze Investitionsabsichten und den Bedarf an 60 000 neuen Arbeitsplätzen. Schon müssen sich die Rezessions-Prognostiker korrigieren. Es wird wohl alles halb so schlimm.
Das Volk hat sich nach all den Jahren der Krisen eine seelische Hornhaut zugelegt. Wir glauben den Endzeitpropheten nicht mehr, haben eine Kultur des mentalen Widerstands gegen sie entwickelt. Man muss die Nachrichtensendungen einfach abschalten, deren Redakteure jedes Zucken einer Ratingagentur automatisch zur Schrecken einflößenden Topmeldung avancieren lassen, als hätte es hohe Zinsen für Staatskredite nicht auch früher gegeben.
Und besser noch: Die Anzeichen mehren sich, dass die Menschen zwar um die Bedeutung von Wirtschaft und Wachstum wissen, zugleich aber auch den Werten mehr Beachtung schenken, um die es auch noch geht: Freiheit und Frieden, oder auch Glaube, Liebe und Hoffnung. Das ist das Programm für 2012: Holen wir uns die Diskurshoheit zurück von denen, deren ganzes Latein aus der verengten Weltsicht ökonomistischer Szenarien besteht. Wir wollen darauf nicht reduziert werden. Das Volk, so scheint es, ist in seiner Schwarmintelligenz klüger als unsere politischen Eliten, die offenbar nur noch unter der Knute medial erzeugter demoskopischer Momentaufnahmen reagieren, wo es viel zukunftsreicher ist, Volkesmeinung auch selbst zu formen.
Wer sich die Fakten nebeneinanderlegt, erkennt auch klar, wohin die Reise geht. Die letzten Jahre haben überdeutlich gemacht, dass der Nationalstaat an sein Ende gekommen ist. Nichts kann ihn mehr retten, nachdem die Wirtschaft, die Medien, die Menschenrechtsdiskurse, die Energieversorgung, die Rohstoffversorgung, die Entwicklungshilfe und die Friedensmissionen weltweit vernetzt sind. Es ist eine vollkommene Illusion, die Möglichkeit eines Rückzugs aus diesen Systemen in Betracht zu ziehen.
Wenn das aber so ist, stellt sich die Frage nach der neuen Form, nach der noch nicht geborenen vollendeten demokratisch legitimierten Staatlichkeit. Sie kann nur in einer übernationalen, in einer europäischen Staatlichkeit liegen. Wir haben die nationalen Entscheidungsstrukturen ja längst verlassen, haben jedoch die europäischen noch nicht erreicht. Damit haben wir ein Vakuum der politischen Wirksamkeit und zugleich ein solches der Demokratie geschaffen, das ausgefüllt werden muss. Europa braucht nicht nur die Kompetenzen, die nach dem Scheitern der Idee freiwilliger Stabilitätsdisziplin den sachlichen Erfolg für unsere Währung und Wirtschaft sichern. Wir müssen auch all das aus dem Wege räumen, was den Blick versperrt „auf die zivilisierende Kraft der demokratischen Verrechtlichung und damit auf das Versprechen, das von Anbeginn mit dem europäischen Verfassungsprojekt verbunden war“.
Dieses letzte Zitat stammt aus dem wichtigsten Buch der letzten Monate, aus dem Essay „Zur Verfassung Europas“ von Jürgen Habermas (erschienen bei Suhrkamp). Er führt darin die Königsdisziplin der philosophischen Zunft vor, nämlich den geweiteten Blick auf das Wesentliche unseres Lebens. Dazu zählt ein friedenspolitischer Sicherheitsrahmen als Kern einer stabilen menschlichen Existenz, der nach aller Geschichte für Deutschland und die Nationalstaaten unserer Nachbarn nur „Europa“ heißen kann.  Wer Deutschland etwas Gutes will, der wird Habermas zustimmen, dass wir jetzt ein „neues überzeugendes Narrativ“ brauchen: „Die Europäische Union lässt sich als entscheidender Schritt auf dem Wege zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft begreifen.“
Ist das phantastisch? Nein, das ist es nicht. Alles, was hinderlich sein kann auf dem Wege zur sachlich wie friedenspolitisch gebotenen weiteren Integration Europas, ist Objekt unserer Formung. Das gilt auch für die deutsche Verfassung, die – mit denen unserer Nachbarländer – zum Zwecke der europäischen Integration geändert werden muss. Wenn wir den Menschen erklären, dass sie ihr Vaterland nicht verlieren, aber wohl eine europäische Identität und eine große Friedens- und Wohlstandsdividende gewinnen, wird der Widerstand gering sein. Dann wird sich herausbilden, was manche Verfassungstheoretiker jetzt als Defizit bemängeln: Es fehle an einem europäischen „Staatsvolk“ und an europäischer Identität.  Beides werden wir bekommen, so, wie sich auch das gegenwärtige deutsche Gemeinwesen und die deutsche „Nationalidentität“ (falls es eine solche gibt) erst über die Jahrhunderte und Jahrzehnte herausgebildet hat.
Denn wenn es kein Zurück gibt aus dem Ganzen unserer Welt: Dann werden wir eine gute Zukunft entweder nur in Europa haben – oder gar nicht.

Proud to be a German

Vorwort: Die folgenden Zeilen hat Uwe Siemon-Netto heute in seinem lesenswerten Blog (http://uwesiemon.blogspot.com) veröffentlicht. Der Kollege und Freund ist einer der weltgewandtesten, erfahrensten Journalisten, ist politischer Journalist und Theologe zugleich, breitest gebildet. Siemon-Netto lebt seit langem in Amerika, wo er an theologischen Hochschulen lehrt, aber nie sein journalistisches Handwerk vergessen hat. Vielleicht tröstet seine Aussensicht über manche innerdeutsche Frustration hinweg. Michael Rutz

For once proud to be a German

By Uwe Siemon-Netto
It’s been more than two years since my last visit to Germany, my native land. This time I traveled home at the height of the Eurozone crisis. I returned to California just before Christmas filled with pride in my compatriots.
Don’t get me wrong. I am not particularly proud of the fact that Germany is now the leading power in Europe. She has been thrust into this role much against her instincts and desires. It had been far too cozy to be prosperous, financially stable and the world’s leading exporter for decades, leaving the unpleasant chores of global direction to others, notably the victors of World War II.
Moreover, I am in no position to say whether or Germany’s positions in the current global predicament are wise. But then nobody’s sapience seems to be reliable in the present situation, not even the sapience of Princeton-based Nobel laureates and other economic sages who keep telling the Germans to be less productive and more spendthrift, in other words, act against their better judgment and experience, supposedly for the common European good.
No, what made me proud was the discovery that Germans simply refused to reciprocate the hateful slurs of British tabloids whose “journalists” seem to have learned their craft by reading the polemics of Joseph Goebbels, Hitler’s propaganda minister.
There exists no equivalent in today’s German language for ethnic smears such as “krauts” and “huns” (for Germans), “frogs” (for the French), “wops” (for Italians) and “wogs” (for anybody hailing from territories east of Dover) that are common currency in British mass-circulation dailies, sometimes in the news pages and regularly in their blogs.
Over the years, the Germans have learned to laugh off these symptoms of the steady decline of England’s media standards that has been accelerating steadily ever since union folly and publishers’ greed have laid barren Fleet Street, that once spectacular bastion of the Angelo-Saxon journalism, which was my professional home for a while nearly half a century ago.
Nobody I talked to in Germany seemed to take offense when columnist Simon Heffer warned in the Daily Mail newspaper of “Germany’s economic colonization of Europe” and opined in a different article, “Where Hitler failed by military means to conquer Europe, modern Germans are succeeding through trade and financial discipline. Welcome to the Fourth Reich.”
Why do the Germans not care? “Well, the English have always been a little absonderlich; that’s why we love them so,” said Michael Rutz, the former editor in chief of a leading German weekly; the agreeable word, absonderlich, is usually translated as “strange” or “bizarre,” but actually has a more charming and subtle connotation.
The other day I discussed the benign reaction of Germans to British and other hatemongering with the editor of a highbrow political journal published in Washington. He said: “The difference is that the Germans still read.” This is true. Germany is less affected by media atrophy than most comparable Western nations. If a German does not know what’s going in in the world, it is his own fault because every major city has at least one but usually several local papers covering regional, national and international affairs, and, equally importantly, cultural events and thought, and then of course there exist national dailies and weeklies of superb quality.
The owner of a newsstand in Munich’s central railway station recently an editor friend of mine that his shop keeps an astounding average of 3,200 papers and periodicals on display.
Because of this Germans are in a better position to put international events in a proper perspective. Of course they did read that Eleftheria, the Athens daily, twice ran an image of Chancellor Angela Merkel in a storm trooper’s uniform on its front page. But they also read that thousands of Greek professionals are busily studying German to find jobs in Germany, where they are well received.
I was stunned to find that even modestly educated Germans seem to bear no malice against Greeks whose country they now have to bail out. Nearly 310,000 Greek immigrants live and work in Germany, and their number is rising. They make good, hard-working citizens, run wonderful restaurants, usually speak German well and delight the natives with their good humor.
In a 250-year old Cologne inn named “Em Kölsche Boor,” Pericles, a Greek waiter serving me a sturdy fare of broad beans and smoked bacon, regaled our table with this joke pertaining to his motherland’s economic predicament: By happenstance, three housepainters showed up at the same time at the portal of paradise, an Armenian, a German and a Greek.
Saint Peter told them, “This is a fantastic coincidence. The Pearly Gate needs a new paint job. Let me have your quotes.” The Armenian told him he would do it for €600. The German asked for €900. The Greek took Saint Peter aside and said, “€3,000.”
“Three thousand! Are you nuts,” Peter cried. The Greek smiled, “Think of it,” he said, “You’ll get €1,000, I’ll get €1,000. We give €400 to the German to keep his mouth shut, and the Armenian will do the work for €600.” The guests howled with laughter. It was fun to have Greeks in Germany.
I had come to Cologne on a 200 mph train from Paris where the general mood seemed morose. The railway unions had voted for one of their perennial Yuletide strikes intended to spoil the Christmas joy of the rest of the population; thankfully, though, this immense nuisance was eventually averted. Some Paris maîtres-penseurs, intellectuals and journalists of the most irritating sort, raised the specter of a new wave of “Germanophobie,” in response to Germany’s increasing power.
The Germans I questioned about this laughed it off, and rightly so. This alleged “Germanophobie” was a chimera in the minds of people utterly out of touch with this season’s dangerous realities. Down in southwestern France, where I have a home, I meet for my regular Saturday morning tipple with the mayors and councilmen of the surrounding villages. Their view of Germany was quite different.
“Tell your Chancellor to stand fast,” they urged me, “she must remain tough. We admire the Germans’ hard work and fiscal responsibility. If only we had followed their example years ago!”
These were not isolated voices. According to some polls, more than 70 percent of the French citizens feel that way, and this is also expressed in most of the blogs in the online editions of France’s national newspapers.
Of course the crisis might eventually catch with the Germans, whose unemployment rate is currently at a record low, and whose industry is booming due to massive demands from around the world for German products. But when I boarded my flight to California at Frankfurt Airport, a left behind smiling, contented compatriots preparing for a joyous Christmas and bearing good will against their less fortunate neighbors.
And this observation made me very proud to be a German.
Uwe Siemon-Netto, the former religious affairs editor of United Press International has been an international journalist for 55 years, covering North America, Vietnam, the Middle East and Europe for German publications. Dr. Siemon-Netto currently directs Center for Lutheran Theology and Public Life in Irvine, California.
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