In Afghanistan bleiben! Brief an die Kanzlerin, 19

Liebe Frau Merkel,

zu den politischen Korrektheiten unserer verdrucksten öffentlichen Rede gehört es, für den baldigsten Abzug der ISAF-Soldaten aus Afghanistan zu sein. Dafür lassen sich sofort Mehrheiten im Parlament und auch binnen Stunden ein paar Tausend Demonstranten mobil machen. Und wenn diese optisch wirksam noch irgendeine Fassade erklettern, kommt auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen, garantiert, die Multiplizierung von indifferenter  Kriegsgegnerschaft ist allemal tagesschautauglich.

Dabei haben unsere Soldaten in Afghanistan ja nicht nur kriegsmäßig die Nester des Terrorismus bekämpft. Sie haben den seit 1996 von den Taliban geknechteten Menschen ein halbwegs geordnetes Leben zurückgebracht. Sie haben die Rechte der Frauen verteidigt. Sie haben staatliche Strukturen geschaffen, Schulen, Straßen und Krankenhäuser gebaut, haben die Kindersterblichkeit gesenkt. Sie gaben den Afghanen Musik, Sport und auch Bilder wieder. Unsere Soldaten haben Demokratie fundamentiert, sie haben die Arbeit zigtausender Entwicklungshelfer ermöglicht.

Jetzt, so heißt es euphemistisch, sollen das afghanische Sicherheitskräfte schaffen. Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, wissen wie jeder Soldat, dass das nicht funktionieren wird. Die Taliban werden das Land ins Mittelalter zurückwerfen und Frauen, in finsterster Koran-Exegese, erneut mit dem Dunkel männlicher Knechtschaft kujonieren. Frauen werden sie verbieten, Ärztinnen zu werden und männlichen Ärzten, Frauen zu behandeln. Also: Wer jetzt jede Menschenrechtsverletzung in China anprangert, der sollte viel entschiedener für den Verbleib der ISAF-Soldaten in Afghanistan auf die Straßen gehen, weil sich dort das große Inhumanum wieder ankündigt. Aber: Fehlanzeige.

Den Bürgern im Lande werden die ganzen ISAF-Leistungen auch nicht ausreichend erklärt. Erfrischend ist es dann, wenn man erlebt, wenn  eine Stadt die aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten ihres Bataillons willkommen heißt, auf dem Marktplatz, mit vielen Hundert Bürgern rund ums Karree. Dieser Tage in Lüneburg: Der Oberbürgermeister  würdigt den Einsatz mit herzlichen Worten. Der Standortälteste, Oberstleutnant Dr. Freuding ,  benennt in einer intelligenten Rede alle diese nichtmilitärischen, aber militärisch abgesicherten Erfolge des Menschenrechts und der Menschenwürde, die den Afghanen wie zuvor den Menschen im Kosovo „Hoffnung auf eine bessere, friedlichere Zukunft“ gegeben hätten. Und weil Nichthandeln ebenso schuldig machen kann wie Handeln, dürfe man auch dann nicht mit Tatenlosigkeit antworten, wenn man um die Unmöglichkeit wisse, „jede Krisenregion der Welt in eine Westminster-Demokratie zu verwandeln.“  Afghanistan wird eine solche Muster-Region nicht werden. Aber den Afghanen mehr als ein Jahrzehnt Menschenwürde gesichert und Schutz vor fundamentalistischen Terroristen geboten zu haben – schon das hat den ISAF-Einsatz gerechtfertigt. Und dennoch zahlen wir für den Abzug den Preis des schlechten Gewissens, Millionen Menschen und vor allem Frauen schutzlos zurückzulassen. Darauf sollten Sie hinweisen.

Stets Ihr

Michael Rutz

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt am 2. Mai 2012)

 

Grassens “letzte Tinte”: Brief an die Kanzlerin, 18

Liebe Frau Merkel,

Sie werden sich in diesen Tagen über Günter Grass geärgert haben. Denn für die Außenpolitik Deutschlands ist es nicht unerheblich, wenn sich einer unserer Nobelpreisträger zum Kronzeugen gegen deutsche Politik machen läßt. Grass hatte geschrieben: „Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.“ Richtig ist: Niemals hat Israel das Recht auf atomaren Erstschlag reklamiert. Und nicht Israel will das iranische Volk auslöschen, sondern Irans Präsident Israel „von der Landkarte tilgen“. Dafür baut er an einer Atombombe, dafür gefährdet er den Weltfrieden.

Man kann Günter Grass nun töricht, politisch naiv, peinlich, vielleicht auch antisemitisch nennen. Aber: Er muss derlei sagen dürfen. Wir wollen wissen, woran wir mit ihm sind. Und er hat, wie alle anderen Meinungsträger in unserer freiheitlichen Demokratie auch, Anspruch darauf, dass man ihn nicht mit Empörungswellen sozial niederstreckt, sondern argumentativ. Gerade Dummheit muss – vor dem Hintergrund unserer Geschichte –  ernstgenommen werden.

Zu den Forderungen mit Konjunktur gehört gegenwärtig auch, Schriftsteller sollten sich mit politischen Äußerungen zurückhalten. Sie seien politisch nicht in besonderer Weise privilegiert, denn es komme zur Beurteilung von politischen Sachverhalten auf Sachkenntnis an, die man nicht durch Sprachkompetenz ersetzen könne. Das ist richtig (siehe Grass) und falsch zugleich.

Falsch ist es, weil Sprachkompetenz  Zustände plastisch greifbar machen kann. Sie schafft neue Begriffe, sie bildet „Fahnenwörter“, hinter denen man sich versammeln kann. Sprache kann dann eine Waffe sein, wenn man zu anderen Waffen nicht greifen kann oder will.

Auch deshalb wurde die Wende möglich. Sie, Frau Merkel, wissen: In der DDR gaben Schriftsteller wie Günter Kunert oder Wolf Biermann denen eine Sprache, die aus Existenzangst schwiegen. Bert Brecht kämpfte mit seinen Bühnenstücken für soziale Gerechtigkeit und gegen Krieg. In der Bundesrepublik lösten Schriftsteller wie Günter Wallraff, Bernt Engelmann, Gerhard Zwerenz, Peter Handke, Martin Walser oder auch Günter Grass immer wieder heftige Debatten aus, die man als fruchtbar gerade auch dann bezeichnen muss, wenn man entschieden anderer Meinung war.

Nie war Schriftstellerei unpolitisch. Goethe schrieb für bürgerliche Tugenden, für Werte, für eine gute Pädagogik. Er und Schiller waren Protagonisten liberalen Denkens. Charles Dickens sorgte mit dem „Oliver Twist“ für soziale Reformen. Harriet Beecher-Stowe bekämpfte mit „Onkel Toms Hütte“ den Rassismus in Amerika. Niederländische Schriftsteller lenkten die Aufmerksamkeit auf die trüben Folgen des Kolonialismus. Alexander Solschenizyn erzwang  mit dem „Archipel Gulag“ Öffentlichkeit für das menschenverachtende Sowjetsystem. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Gerade wir Europäer haben Schriftstellern und ihren politischen Motiven viel zu danken. Da tun auch Bundesregierung und die Parteien gut daran, Grassens „letzte Tinte“ mit milder Nachsicht hinzunehmen.

(Die “Briefe an die Kanzlerin” erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

Von der Medienwirkung: Brief an die Kanzlerin, 17

Liebe Frau Merkel,

als hätten Sie mit Europa und der Bundespräsidentenwahl nicht schon Probleme genug gehabt,  drängt sich jetzt auch noch eine Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen herein. Am 13. Mai soll dort gewählt werden, nach der Wahl im Saarland am 25. März und der in Schleswig Holstein am 6. Mai.   Die Gefahr ist groß, dass die CDU im Saarland und in Schleswig-Holstein die Macht verliert und sie in Nordrhein-Westfalen nicht gewinnt.

Zu Teilen mag das am CDU- Personal liegen, das nicht mediengängig ist. Frau Kramp-Karrenbauer im Saarland hat den Umgang mit den Fernsehkameras noch nicht gelernt und blickt bei Interviews zielsicher darüber hinweg. Jost de Jager in Schleswig Holstein ist diesbezüglich dem bundespolitisch versierten Thorsten Albig von der SPD unterlegen. Und Norbert Röttgen wirkt immer wie ein Einserschüler, dessen sichtbarer Ehrgeiz sich als Sympathiebarriere erweist.

Ohne Fernsehen ist aber kein Wahlerfolg zu machen. Jeder Erwachsene schaut mehr als drei Stunden täglich fern, von dort bezieht er seine politischen Einstellungen. Die aber werden in diesem Medium nicht über die Informationen geformt, sondern über Emotionen. Fernsehen ist ein bildhaftes Medium, Bilder transportieren Gefühle, Talkshowgäste auch. Wer es nicht schafft, dort charismatisch und sympathisch zu wirken, der hat schon verloren.

Auf andere Medien ist ja auch kein Verlass mehr. Man kennt nicht einmal mehr das Gegenüber. Früher bestimmten wenige Zeitungs-Großverlage die Landschaft. Heute beachtet ein Großteil der jüngeren Wähler die Zeitung schon gar nicht mehr, sondern bedient sich im Internet. 250 Millionen Webseiten weltweit sind ein Tummelplatz für Klein- und manchmal auch schon Großverleger, ein riesiger Informations-und Meinungsmarkt. In der Kombination mit den sogenannten Social Media, allen voran Facebook, bieten sich da ganz neue, schlagkräftige und auch finanziell praktisch barrierefreie Möglichkeiten der Kommunikation, deren Akteur, aber auch deren nachhaltiges Opfer man werden kann.

Da muss man sich gut überlegen, was man mit einer Botschaft macht. Ein Fehler nur, und die ganze Kommunikationsanstrengung  ist kontraproduktiv. Für welche Zielgruppe ist meine Botschaft gedacht? Mit welchem Medium erreiche ich sie? Wer ist der ideale Botschafter? Wie muss man die Botschaft formulieren?

Hinzu kommt, dass man von den deutschen Fernsehanstalten journalistische Äquidistanz  nicht mehr erwarten kann. Journalisten begreifen sich vielmehr als Akteure und machen aus ihren politischen Neigungen kein Hehl – ein verhängnisvoller Trend, der selbst schon die Tagesschau erfasst hat und der für die CDU beklagenswert ist, denn die Mehrheit der öffentlich-rechtlichen Programm-Macher sehen lieber rot-grün als schwarz-gelb. Im Takt täglicher Talkshows gerät das zum medialen Trommelfeuer, das Wirkung zeigt.

Da werden Sie Ihr Bodenpersonal nicht alleine lassen. Die nächsten acht Wochen werden Sie wohl mehr als Parteivorsitzende agieren denn als Kanzlerin, auch für Sie selbst geht es um viel. Wenn die CDU bei den Wahlen in diesem und im nächsten Jahr die Macht verliert, ist auch die Ihre dahin.

Auf Ihre Argumente sind wir gespannt.

(Die “Briefe an die Kanzlerin” erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

 

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: