Freude statt Angst

Jetzt haben die Bischöfe viel Arbeit. Fast 50 Jahre hat es gedauert, bis die katholische Kirche ihre Dogmatik für Ehe, Familie und Sexualität mit dem neuen Lehrschreiben von Papst Franziskus einigermaßen auf die Höhe der Zeit gebracht hat. Seit 1968 der damalige Papst Paul II. mit seiner „Pillenenzyklika“ jede Form der künstlichen Empfängnisverhütung ausschloss und misslungene Ehen oder gleichgeschlechtliche Beziehungen weiterhin im Bann der Kirche gehalten wurden, hatte die Entfremdung der katholischen Gläubigen mit ihrer Kirche in den Fragen der Sexualmoral dramatische Ausmaße angenommen. Sie gingen mit gutem Gewissen ihrer eigenen Wege.

An Versuchen, die römische Dogmatik insbesondere für Geschiedene oder wiederverheiratete Geschiedene zu lockern, hat es nicht gefehlt. Aber als beispielsweise 1993 die damaligen Bischöfe von Freiburg, Rottenburg-Stuttgart und Mainz dazu ein „Gemeinsames Hirtenschreiben“ veröffentlichten und auch diesen Menschen die katholischen Sakramente spenden wollten, wurden sie vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, sofort abgewatscht: Geschiedene, die zivil wiederverheiratet seien, befänden sich in einer Situation, die dem Gesetz Gottes objektiv widerspreche. Darum dürften sie nicht die Kommunion empfangen, solange diese Situation andauere. Alles andere, und sei es ein Gewissensurteil, sei eine „irrige Überzeugung“, die im „offenen Gegensatz zur Lehre der Kirche“ stehe.

20 Jahre später war Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI., klüger geworden: „Ich ermutige euch“, sagte er beim Weltfamilientreffen 2012 in Mailand, „mit euren Gemeinden verbunden zu bleiben, und ich wünsche mir zugleich, dass die Diözesen geeignete Initiative ergreifen, um euch aufzunehmen und Nähe zu vermitteln.“

Das hat der jetzige Papst Franziskus endlich in klare Regelungen umgesetzt. Ab sofort ist es Sache der Priester und Bischöfe, jeden einzelnen Fall undogmatisch und seelsorgerlich zu betrachten und über die volle Sakraments-Zulassung zu entscheiden. Was dem Beobachter als längst fällige Selbstverständlichkeit erscheint, bedeutet für die katholische Kirche doch einen historischen Einschnitt. Erstmals ist das dogmatische römische „Durchregieren“ aufgelöst zugunsten einer seelsorgerlichen Subsidiarität, die die Mehrheit der deutschen Bischöfe seit Jahrzehnten eingefordert hatte.

In Deutschland müssen die Bischöfe nun für eine pastoraltheologische Praxis sorgen, in der diese seelsorgerlich motivierten Entscheidungen die päpstliche Absicht auch umsetzen und sie nicht von Bistum zu Bistum und von Pfarrer zu Pfarrer unterschiedlich ausfallen.

Für den katholischen Gläubigen bedeutet all das, dass die Zeit der kirchlichen Ausgrenzung von wiederverheiratet Geschiedenen, von konfessionsverschiedenen Ehen, von gleichgeschlechtlichen Beziehungen und auch von Menschen, die künstliche Empfängnisverhütung praktizieren, ein Ende hat. „Niemand darf ausgeschlossen werden von der Barmherzigkeit Gottes“ , resümiert die Deutsche Bischofskonferenz das Papst-Schreiben. Und schließlich hat der Papst selbst sein Schreiben mit „Amoris Laetitia“ überschrieben hat, „Die Freude der Liebe“. Das ist das Gegenteil von Angst.

Reiselust und Risiko

Die Deutschen, ein weltläufiges Volk. Exportweltmeister sowieso, aber auch Reiseweltmeister. Und daran – das hat die eben zu Ende gegangene Internationale Tourismusbörse in Berlin gezeigt – wollen die Bundesbürger auch nichts ändern. Die Wanderlust liegt in ihren Genen.

Das Poesiealbum der Nation ist voller schwärmender Einträge unserer Dichter und Denker: „Nur Reisen ist Leben – wie umgekehrt das Leben Reisen ist“, schrieb Jean Paul, und Lichtenberg beobachtete: „Ich bin nie gesünder, als wenn mich das Posthorn aus dem Schlaf weckt.“ Und selbst unsere eher bodenständigen Sachsen, deren zu großer Anteil gegenwärtig eher durch Fremdenfurcht von sich Reden macht, haben zu DDR-Gefängnis-Zeiten ihre Reiselust besungen: „Der Sachse liebt das Reisen sehr, und ihm liegt das in’n Gnochen. Drum fährt er gerne hin und her, in sein’n drei Urlaubswochen. Bis nunder nach Bulgarchen dud er die Welt beschnarchen.“

Nun beschnarchen sie nicht mehr nur den Goldstrand – die Deutschen sehen sich in der ganzen Welt um. 1,67 Milliarden Tage waren sie 2015 auf Achse, so viel wie nie zuvor, 71 % aller Reisen gingen ins Ausland, 29 Prozent ins Inland. Da Deutschland selbst auch ein schönes Reiseland ist, haben die Touristen hierzulande 278 Milliarden Euro ausgegeben. Davon lässt sich leben.

Die Vorlieben freilich ändern sich, denn deutsche Reiselust paart sich mit Risikofurcht. Die Länder des Nahen Ostens haben deshalb gegenwärtig Chancen nur bei solchen Touristen, die Risiko vernünftig einschätzen können. Selbst die Türkei leidet, nachdem dort im letzten Jahr durch einen Bombenanschlag im Zentrum Istanbuls zehn Deutsche starben und das jüngste Attentat in Ankara den Eindruck verstärkt, die Türkei sei ein unsicheres Reiseland.

Die Risiken werden freilich meist überschätzt. Die fokussierte Berichterstattung der Medien verzerrt die Dimensionen. Was würden wir Ausländern raten, die nach den Bildern vom Kölner Hauptbahnhof und solchen von angezündeten Asylanten-Wohnstätten nun Angst vor einer Deutschlandreise haben? Die Paris meiden, weil auch dort der Terror zuschlug? Kopenhagen? London? Natürlich würden wir sie beruhigen.

Reisen ist stets auch Risiko. Zu Hause bleiben allerdings auch. Nur: Der Blick von außen fördert die Zufriedenheit. Friedrich Nietzsche, unser Hausphilosoph, schrieb uns das ins Stammbuch: „Von dem, was du erkennen und messen willst, musst du Abschied nehmen, wenigstens auf eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Türme über die Häuser erheben.“

Menschen-Basar in Brüssel

Wie so oft arten auch die gegenwärtigen Gipfeltreffen der Europäischen Union in ein großes Feilschen aus. Nur geht es diesmal nicht lediglich um Geld, sondern um Menschen. Auf dem Brüsseler Bazar stehen sich die EU und die Türkei gegenüber, von der wir die Rettung unserer europäischen Identitätsprobleme und Menschlichkeitsdefizite erwarten: Unsere Euro-Milliarden gegen Millionen Flüchtlinge aus Syrien und anderswo.

Ganz verständlich ist es, dass die Türkei die Gunst der Stunde nutzt. Sie hat die EU auf den Knien vor sich mit der flehentlichen Bitte, die Türkei möge für uns das Flüchtlingsproblem lösen und weitere Hunderttausende oder Millionen Menschen aufnehmen – oder die EU fliegt auseinander. Also treibt die Türkei den Preis nach oben, zu den ersten drei Milliarden Euro, die schon versprochen waren, kamen nun weitere Milliardenforderungen hinzu. Auch jenseits des Geldes ist die Wunschliste lang, vor allem sollen die EU-Beitrittsverhandlungen für die 80 Millionen Türken – meist Muslime – beschleunigt werden, ein seit Jahrzehnten gehegter Wunsch am Bosporus. Und bis es soweit ist, erwartet die türkische Regierung eine praktisch visafreie Einreise für ihre Bürger in die EU.

Es ist ein hoher Preis, den die Europäische Union da für ihre Unfähigkeit zahlt, zwei oder drei Millionen Flüchtlinge auf 500 Millionen EU-Bürger zu verteilen. Nun bekommt sie, wenn der Deal durchgeht, potentiell 70 Millionen türkischer Muslime statt zwei oder drei Millionen syrischer Christen. Den Zorn der Kanzlerin auf die nationalistischen Egoismen vor allem der Balkanstaaten einschließlich Österreichs kann man verstehen, waren die Signale an die Türkei doch bisher eindeutig: Macht Euch keine Hoffnungen, auch bei engster Zusammenarbeit kommt eine Mitgliedschaft in der EU nicht in Frage.

Nun wird vielleicht alles anders. Der Sprengsatz, den die Überfremdungsfurcht vieler europäischer Staaten an die politische Gemeinschaft gelegt hat, wird dadurch nicht etwa entschärft, sondern noch verstärkt. Wenn die Türkei erst einmal Mitglied ist, wird sie – mit gutem Recht – auch die EU mit gestalten wollen, indem die türkischen Bürger die stolzen, wenn auch gegenwärtig lädierten Prinzipien der EU für sich in Anspruch nehmen: die Freizügigkeit vor allem, die freie Wahl des Arbeitsplatzes, das grenzenlose Reisen. Und der türkischen Regierung steht dann, so wäre wenigstens die gegenwärtige Rechtslage, ein Veto in der Runde der EU-Regierungschefs zu. Da wird der Tag nicht fern sein, dass die Balkanstaaten, dass sich Tschechien, Polen und Österreich massiv gegen den türkischen Beitritt wehren werden.

Auch die Idee, für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei aus Griechenland zurücknimmt, einen in die Europäische Union einwandern zu lassen, ist eher schräg: Weder ist Einigkeit über deren europäische Verteilung erzielt noch über die Frage, wieso eigentlich von dieser Aufnahmequote Flüchtlinge aus anderen Kriegs- und Krisenländern (Somalia, Eritrea, Sudan, Irak und andere) ausgeschlossen werden. Es ist offenkundig, dass das gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstößt.

Eine Chance liegt vielleicht darin, die Türkei in den weiteren Beitrittsverhandlungen zu einem freieren und rechtsstaatlicheren Land zu machen: zu einem Staat mit hoch gehaltenen Menschenrechten, mit geachteter Meinungs- und Pressefreiheit. Den Optimismus der Bundesregierung, dass das so kommen werde, wird man freilich – zu Amtszeiten des Präsidenten Erdogan – kaum teilen können.

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