Karl Lehmann, der große Seelsorger

Es ist kein Wunder, dass der 80. Geburtstag des Mainzer Kardinals Karl Lehmann mit großer Prominenz gefeiert wird und das Fernsehen das Fest überträgt. Denn Lehmann war es vergönnt, sein Leben als katholischer Theologe in allen Facetten auszukosten, die die weltweite Kirche zu bieten hat. Lehmann hatte in Freiburg und dann in Rom studiert und dort auch promoviert. Seine wissenschaftlichen Neigungen waren durch brillante Veröffentlichung unübersehbar, weshalb er mit 32 Jahren bereits Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz wurde, ehe er 1971 im gleichen Fach nach Freiburg wechselte.

Dass einer wie er Bischof werden würde, war nahezu unausweichlich. 1983 zog er ins Bischofsamt in Mainz ein, 1987 schon war der Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz – das blieb er bis 2008. Lehmann, der Dogmatik-Spezialist: Das half ihm in den dogmatisch geprägten Auseinandersetzungen der Folgezeit, die in der Weltkirche, aber auch unter deutschen Bischöfen gelegentlich mit boshafter Härte ausgetragen wurden und dies besonders, seit in einer Verirrung der kirchlichen Personalpolitik Joachim Meisner ins Kölner Bischofs- und Kardinalsamt eingezogen war.

Meisner versus Lehmann: Das war über Jahrzehnte eine Grundkonstante des innerkirchlichen Zwistes, in Personalfragen ebenso wie in Lehmanns (aber nicht Meisners) Überzeugung, dass seelsorgerliche Aspekte harte kirchliche Dogmatik überlagern dürfen, ja müssen. Die kirchenpolitischen Kriege wurden über Rom geführt: Wenn Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in den Vatikan kam, um für bestimmte Überzeugungen zu werben, kam Meisner dort aus der Tür oft schon heraus und hatte Stimmung gegen Lehmann gemacht. Und bei Johannes Paul II. – dem Protektor Meisners – und zu Zeiten auch bei Joseph Ratzinger fand Meisner immer wieder offene Ohren.

Lehmann ließ sich von all dem nicht von seinem seelsorgerlich bestimmten, ökumenischen Kurs abbringen. Schon, als er mit den Bischofskollegen aus Rottenburg-Stuttgart (Walter Kasper) und aus Freiburg (Oskar Saier) 1993 in einem Kanzelwort „Zur seelsorgerlichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen“ für eine Liberalisierung des katholisch-kirchlichen Umgangs mit diesen Menschen und auch für eine neue Ökumene eingetreten war, wurden er und seine Kollegen aus Rom gemaßregelt. „Die Lehmann-Kirche“ galt seither den konservativen katholischen Kreisen um Meisner gleichsam als häretische Auflösungserscheinung des wahren Glaubens, die es zu bekämpfen gelte.

Die Ereignisse dieser Jahre unter Papst Franziskus zeigen nun, dass die Offenheit Lehmanns und Kaspers auch in der kirchlichen Dogmatik die Oberhand gewinnen, dass ihre menschenzugewandte Seelsorge Früchte in der katholischen Kirche trägt, die der Grund ist, dass die Katholiken seines Mainzer Bistums und viele andere Katholiken in Deutschland Lehmann so verehren. Dieser Erfolg im Wandel kirchlicher Dogmatik ist vielleicht das größte Geschenk, das man Lehmann zu seinem 80. Geburtstag machen konnte.

Das tote Pferd von München

Der Spruch zum Tage kam vom Münchner Generalstaatsanwalt Manfred Nötzel. Ein Staatsanwalt dürfe sich in einen Fall nicht so verlieben, dass er nicht loslassen könne, weshalb eine alte Weisheit der Sioux-indianer gelte: „Du musst absteigen, wenn das Pferd tot ist.“

Das Pferd, auf dem die Münchner Staatsanwältin Christiane Serini im jüngsten Deutsche-Bank-Prozess saß, war schon eine ganze Weile tot. Jeder im Gerichtssaal hatte gemerkt, dass der Vorwurf, Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und vier weitere ehemalige Top-Banker der Deutschen Bank hätten sich des versuchten Prozessbetruges schuldig gemacht, ein ganzes Prozess-Jahr lang ohne Beweise blieb. Der Richter schrieb der Staatsanwaltschaft das zuletzt deutlich ins Stammbuch, was die Staatsanwältin aber nicht hinderte, auch noch einen letzten der mehr als 40 Beweisanträge zu stellen, die alle keine Belege zutage förderten. Deshalb wurden die Angeklagten nun freigesprochen, „erster Klasse“, wie man so sagt. „Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse“ – nach einem mehr als einjährigen Verfahren ist das keine Kleinigkeit.

Schon dieser Umgang mit dem Geld der Steuerzahler mahnt dazu, keine Verfahren zu führen, deren Aussichtslosigkeit absehbar ist. Vor allem aber sind solche Verfahren geeignet, Zerstörungen im privaten Leben der Angeklagten anzurichten, die auch durch Freisprüche nicht mehr heilbar sind. „Semper aliquid haeret“, sagt der Lateiner, irgendwas bleibt immer hängen. In diesem Fall bleibt das Image hängen, dass bei der Deutschen Bank nur finstere und unseriöse Gestalten herumsitzen, eine Klassifizierung, die sich mittlerweile – meist unbegründet – auf die Angestellten der ganzen Branche ausgeweitet hat.

Dieser Prozess ist nur einer in einer langen Reihe von Verfahren, in denen die Staatsanwälte Spitzen aus Wirtschaft und Öffentlichkeit verfolgen. Sie machen damit klar, dass es in unserem Rechtssystem auch vor hohen Tieren keine rechtlich unangemessene Beißhemmung gibt, dass man mit Macht und Prominenz allein Schonung also nicht erkaufen kann. Andererseits – und die Fälle der Freisprüche häufen sich – darf sich die Staatsanwaltschaft nicht dem Verdacht aussetzen, aus klassenkämpferischen Motiven einen Verfolgungswahn zu entwickeln, in dem sie nur mit sehr souveränen Richtern gestoppt werden kann. In Erinnerung sind vor allem der Fall von Christian Wulff, aber auch die Fälle Kachelmann oder jüngst der Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

Einen erheblichen Kollateralschaden verursachen diese Prozesse immer: Der Ehrgeiz, Spitzenämter anzustreben und Verantwortung auch für riskante Entscheidungen zu übernehmen, wird stark gemindert, wenn man dauernd befürchten muss, öffentlich diskreditiert zu werden. Das ist misslich für eine Gesellschaft, die in ihren Spitzenämtern die besten Leute braucht.

(25.4.16 für „Pressekorrespondenz“)

Ein Zeichen der Empathie

Der Papst ist kein Mann der großen Geste. Auch auf Lesbos hat er keine flammenden Reden gehalten gegen die humanitäre Zögerlichkeit der meisten EU-Staaten. Er hat nicht Anklage erhoben gegen Regime, deren Gewaltneigung kriegsauslösend ist und Menschen vertreibt. Er hat nicht abgewogen zwischen notwendiger Hilfe für Flüchtlinge und dem Menschenrechtsstandard jener, die diese Hilfe leisten. Weder der Europäischen Union, noch dem syrischen Staatschef noch dem türkischen Präsidenten hat er etwas ins Stammbuch geschrieben, auch den Amerikanern oder den Russen nicht. Nein, er vermied es, eine Analyse abzugeben zu den Kriegsursachen und zu denkbaren Therapien. Das hat ihm nun Kritik eingebracht.

Dabei hat Papst Franziskus etwas viel Wichtigeres getan: Er hat wieder ein Zeichen gesetzt, dass man aus der Position des wohlernährten, in Frieden lebenden Christen nicht einfach zuschauen darf. Man muss sich dort hinbegeben, wo die Not ist und Empathie zeigen. Empathie – dieses griechische Wort meint: Mitleiden. Für den Christen ist diese Fähigkeit der Empathie ein Grundgesetz, eine Wesensvoraussetzung. Wer in Not ist, darf auf Solidarität hoffen, denn das Christentum läuft nicht dem antiken Ideal des Starken und Schönen hinterher, sondern will den Schwachen, Kranken, Not leidenden, den Gefallenen dienen. Und ihnen mindestens Mut machen.

Dieser Papst verkörpert dieses christliche Ideal wie keiner seiner Amtsvorgänger. Denn er hat es nicht nur bei verbalen Beschwörungen belassen, die allerdings eindringlich sind, wie etwa jene bei einem Angelusgebet im Jahre 2013: „Ich will mir den Schrei zu eigen machen, der mit wachsender Sorge aus jedem Teil der Erde, aus jedem Volk, aus dem Herzen eines jeden aufsteigt, aus der ganzen Menschheitsfamilie: Das ist der Schrei nach Frieden! Wir wollen eine Welt des Friedens, wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein, wir wollen, dass in dieser unserer Gesellschaft, die von Spaltungen und Konflikten durchzogen wird, der Friede ausbreche! Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ Oder: „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter. Wir haben es notwendig, diese Barmherzigkeit Gottes gut zu verstehen, dieses barmherzigen Vaters, der so viel Geduld hat.“ Diese Barmherzigkeit hat er auch auf Lesbos gezeigt.

Jenseits aller Worte begibt sich Franziskus auch direkt hinein in die Brennpunkte des Elends, ob in Mexiko, auf Lampedusa, in die südamerikanischen Slums, aus deren Umfeld Franziskus stammt oder jetzt auf Lesbos. Und keiner ist dabei so glaubwürdig, weil er sich selbst – anders als die Päpste vor ihm – um eine sparsame, karge, vorbildhafte Lebensführung bemüht.

„Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird“, hatte Franziskus die Europa-Parlamentariern 2014 bei einer Rede in Straßburg gemahnt. Der Besuch auf Lesbos war eine ob ihrer stillen Zeichenhaftigkeit sehr lautstarke Erinnerung daran.

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