Zum 9. November

Draußen regnet es. Die Konzertbesucher eilen über nassglänzendes Kopfsteinpflaster herbei, in dem sich das fahlgelbe Licht der Straßenlaternen spiegelt. Auf dem Programm steht Brahms – zuerst das Schicksalslied op. 54, dann das Deutsche Requiem. Kann man den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer so begehen? Man kann.

In Berlin erinnern sich rund um das Brandenburger Tor zur gleichen Zeit Hunderttausende an dieses dramatische Datum deutscher Geschichte – den 9. November 1989, als Günther Schabowski in einer Pressekonferenz eine Anweisung des Ministerrats der DDR vorliest: Voraussetzungslose, sofortige Visavergabe für Reisen von DDR-Bürgern in den Westen, er wiederholt es für die englischsprachigen Reporter noch einmal: „Permission to leave the GDR“, und das ganze – ja, doch –  „sofort, unverzüglich“. 

30 Jahre später: Bundespräsident Steinmeier spricht von der Revolution der DDR-Bürger hin zur Freiheit, von Mut, von ungebändigter Freude und den damals geflossenen Tränen. Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, erinnert an „glückliche Gefühle“ des Herbstes 1989, aber eben auch an die fürchterlichen Fähigkeiten, zu denen das deutsche Volk am 9. November 1938, nur 51 Jahre vorher, fähig war, der Reichspogromnacht als erstem Höhepunkt der systematischen Judenverfolgung, die in der Ermordung von Millionen Juden ihre konsequente Fortsetzung finden sollte. „Erinnerung ist nicht Asche, sondern Glut“, ruft Marianne Birthler in ihrer Rede. Auf 30 000 Zetteln, die über der Straße des 17. Juni wie ein Dach aufgespannt sind, haben Bürger ihre Wünsche aufgeschrieben für die ungewisse deutsche Zukunft, blau angeleuchtet wirkten sie wie ein himmelwärts strebender Schrei, dass alles gut ausgehen möge.

Da ist der Brahms in Lüneburg schon gut gewählt. Im „Schicksalslied“ von Hölderlin, das der Brahms’schen Komposition zugrunde liegt, ist das deutsche Wesen eingefangen: Zu den schönsten Dingen fähig, den fürchterlichsten auch. „Ihr wandelt droben im Licht/ Auf weichem Boden, selige Genien!/ Glänzende Götterlüfte/ Rühren Euch leicht,/ Wie die Finger der Künstlerin/ Heilige Saiten.“ So singt der Chor, um schließlich zu enden: „Doch uns ist gegeben,/ Auf keiner Stätte zu ruhn/, Es schwinden, es fallen/ Die leidenden Menschen/ Blindlings von einer/ Stunde zur andern,/ Wie Wasser von Klippe/ Zu Klippe geworfen,/ Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Und doch: Die Freude überwiegt an diesem 9. November 1989, die Erinnerung an das, was man im eigenen Leben erfahren hat, prägt besonders. Über Jahrzehnte hatte man uns gesagt: Das ganze Deutschland soll es sein, Ziel der Politik sei die Wiedervereinigung. Festgeschrieben hat man im Grundgesetz, dass die deutsche Einheit zu vollenden sei. Aber in den achtziger Jahren hat kaum jemand daran noch geglaubt. Sie kam, weil DDR-Bürger mutig waren und für ihre Freiheit kämpften. Mehr noch aber kam sie, weil das kommunistische System bankrott war, ideologisch und wirtschaftlich ausgemergelt und sich nur noch durch Lügen, Repression, Wahlfälschung und Täuschung mühsam an der Macht gehalten hatte. 

Sie kam, weil genau das auch Michail Gorbatschow und dann die westlichen Aliierten eingesehen hatten, die Deutschland einst unter sich aufgeteilt hatten. Schließlich standen sie, 1990, alle zur Idee von Freiheit und der immer versprochenen deutschen Einheit. Sie kam, weil entschiedene Politiker den Saum der Geschichte ergriffen, und es ist ganz notwendig, hier an Helmut Kohl zu erinnern, dessen politisches Denken in historischen Perspektiven entscheidend gewesen ist. Man darf sich seiner erinnern, wenn es am Schluss des „Deutschen Requiems“ heißt: „Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit,/ Denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

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