Straßburg und Speyer: Helmut Kohls Signale

Deutschland und Europa haben Helmut Kohl würdevoll zu Grabe getragen. Die Bilder dieser Ereignisse vom Wochenende aber werden nicht einfach in den Archiven verschwinden. Denn sie haben die Ikonografie der europäischen Geschichte um eine neue Dimension bereichert. Das hat langfristige Wirkung.

Die erste Botschaft, die von dieser neuen Form eines Europäischen Staatsaktes ausgeht, lautet: Nicht die Nation ist wichtig, sondern die Gemeinschaft der Nationen. Nur sie erhält den Frieden, wenn man diese Gemeinschaft mit Freundschaft und gegenseitiger Hilfsbereitschaft ausfüllt. Bill Clinton, der ehemalige US-Präsident, hat das ausgedrückt, als er sagte: Helmut Kohl hat uns gelehrt, dass es Wichtigeres gibt als uns selbst, unseren Ehrgeiz, unser Amt, unsere persönlicher Machtfülle. Das war ein Appell an die Neonationalisten unter den EU-Mitgliedern, Ungarn und Polen zumal, Großbritannien erst recht – und EU-Ratspräsident Donald Tusk hat das auch beim Namen genannt.

Der Staatsakt in Straßburg war aber zugleich ein bisher ungekanntes Ritual, wie es normalerweise nur von einer Staatlichkeit ausgeht. Die Europäische Union aber ist (noch) kein Staat, ihr fehlen gegenwärtig noch eine Verfassung und der Wille der Menschen, ein europäisches Volk zu sein. Insofern war dieses Ritual ein vorweggenommenes Symbol solcher Staatlichkeit und ein Anstoß, aus einer solchen Vision Realität werden zu lassen

Zugleich wurde mit dem Europäischen Staatsakt so etwas wie eine „Ruhmeshalle“ für große Europäer begründet. Wer sich um die europäische Friedensidee besonders verdient macht – der darf einer solchen Ehrung und dem Einzug in diesen Olymp rechnen. Vielleicht fördert dieser Gedanke zu unser aller Vorteil den persönlichen Ehrgeiz mancher Politiker, dorthin zu gelangen.

Der Dom zu Speyer wiederum sendet Signale anderer Art. Er wurde von den Saliern gebaut als Manifest gegen ein dekadentes Papsttum in Rom, das die Salier auszuwechseln erzwangen. Er steht als Symbol für eine Kirchenreform, die sich von käuflichen Ämtern abwandte und zu neuer Unabhängigkeit und Innerlichkeit der Kirche fand.

Und er steht, in seiner neueren Geschichte, als ein Zeugnis der wechselvollen deutsch-französischen Geschichte da, ausgehend vom pfälzischen Erbfolgekrieg. Vor kaum mehr als 200 Jahren noch hausten napoleonische Truppen in den Mauern des beschädigten Doms und unterhielten dort ihre Pferdeställe, bevor Napoleon dann doch dem Wiederaufbau und der Rückgabe an die Katholiken zustimmte. Der Dom zu Speyer, mal französisches, dann wieder deutsches Territorium, ist also in vielfacher Weise ein sowohl christliches als auch europäisches Symbol.

Helmut Kohl, der Historiker, wusste um all das und hat es deshalb so gewollt. Die Menschen auf diese symbolhafte Weise über den eigenen Tod hinaus zum Frieden zu verpflichten – auch das ist intellektuelle Größe, in der seine Gegner Helmut Kohl häufig unterschätzt haben.

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