Wissenschaftlich brillant, politisch nützlich

Angus Deaton, so schrieb dieser Tage ein Kommentator, sei nicht nur ein preiswürdiger Wissenschaftler, er sehe auch wie ein glanzvoller Professor aus: „Ein schlaues Gesicht, ein Körper, der durch Geistesarbeit an zu viel Bewegung gehindert wurde, und eine Fliege machen ihn auch äußerlich zur ersten Wahl.“

Dennoch ist es allein die wissenschaftliche Leistung Deatons, die ihm nun den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht hat. Diese Verleihung an den gebürtigen Schotten passt genau in die Zeit. Denn der Princeton-Ökonom hat sich der Gesundheits- und Entwicklungsökonomie sowie Fragen der Wohlfahrt zugewendet, in englischer Sprache schöner: dem „Wellbeing“. Wann empfinden Menschen Glück? Was veranlasst sie, Geld auszugeben – oft mehr, als sie gegenwärtig haben? Warum funktioniert die tradierte Form von Entwicklungshilfe nicht? Ist die Bekämpfung von Krankheit sinnvoll? Warum sind Zölle armutsfördernd? Gibt es eine Tyrannei der Experten – oder sind sie notwendige Voraussetzung sinnvoller Entscheidungen? Empfinden ältere Menschen Kinder als Glück – und unter welchen sozialen Umständen?

Die Fragen, die Deaton stellt, sind stets hochpolitisch. Die Antwort darauf sucht er nicht in abstrakten Modellen. Erst die detaillierte Bestandsaufnahme der Wirklichkeit gibt ihm den Mut, darauf eine Theorie zu bauen, die wirklichkeitsnah Zusammenhänge erklärt. Damit hat er weltweit viele politische Entscheidungen beeinflusst – in den Steuersystemen ebenso wie in der Welt-Handelspolitik oder in der Entwicklungsökonomie. Aus diesem Grunde werden nicht nur Wissenschaftskollegen herzlich gratulieren, sondern auch Politiker, deren Entscheidungskompetenz Deaton vielfach gestärkt hat.

Mit dieser Wahl hat das Preiskomitee dieses jüngsten Nobelpreises – den Wirtschaftsnobelpreis gibt es erst seit 1968 – die Kritiker solcher Preisauszeichnungen erneut aufs Schönste widerlegt. Zu ihnen zählte auch August von Hayek, selbst Nobelpreisträger, der die Intelligenz der Vielen für wirksamer und wichtiger hielt als einzelne wissenschaftliche Leistungen. Das verkennt, dass Preise im allgemeinen und ein Nobelpreis im Besonderen Ehrgeizpotentiale freisetzen, deren Ziel nicht nur das Preisgeld, sondern vor allem die mit der Preisverleihung verbundene soziale Differenzierung ist. Nobelpreisträger – viel mehr kann man nicht werden in dieser Welt. Für Deaton wird der Nobelpreis nicht Ruhekissen sein, sondern weiterer Ansporn. Und er ist nicht alt genug, als dass er seinen wissenschaftlichen Zenit bereits überschritten hätte.

Ein Nobelpreis als Ermutigung zum Frieden

Buchmacher und politische Beobachter hatten Tunesien nicht im Blick, als sie über die Vergabe des diesjährigen Friedensnobelpreises spekulierten. Dennoch: Dies ist eine gute Entscheidung des Osloer Komitees. Es ist einer Auszeichnung wert, wenn sich aus der Mitte der Gesellschaft – in Tunesien aus Gewerkschaftsverband, Arbeitgeberverband, Menschenrechtsliga und Anwaltskammer – eine Initiative bildet, die die demokratische Stabilisierung eines Landes schafft und es vor Zerfall und fundamentalistisch motivierten Kriegen bewahrt.

Solche politische Intelligenz ist im Nahen Osten keine Selbstverständlichkeit. Während der Jemen und Libyen darin scheiterten, die politischen Kräfte des Landes mit dem Ziel der Stabilisierung des Landes zu einigen, während der Irak und vor allem Syrien in mörderischen Kriegen versinken und Ägypten nur durch eine Militärdiktatur befriedet ist, konnten die zivilgesellschaftlichen Kräfte vorhandene Hindernisse überwinden und das Heft des Handelns in der Hand behalten.

Der Umstand, dass Tunesien Ausgangspunkt des „arabischen Frühlings“ gewesen ist, ließ dabei aus dem Protest gegen totalitäre Machtstrukturen nicht automatisch eine Demokratie werden. Vielmehr versank auch Tunesien zunächst in Chaos, als der linksgerichtete Politiker Mohammed Brahmi Opfer eines Attentats geworden war und die Opposition daraufhin das Parlament boykottierte.

Tunesien ist also zum Musterfall arabischer Demokratisierung geworden. Zwar ist der Ausgang des 2013 begonnenen Einigungswerkes immer noch ungewiss, doch die in den letzten zwei Jahren erzielten Erfolge rechtfertigen eine bedeutende Ermutigung. Als solche ist die Vergabe dieses Friedensnobelpreises auch gemeint in einem Nahen Osten, der zum Pulverfass der Welt geworden ist.

Angela Merkel, die bei den Buchmachern beste Chancen hatte, bekam den Preis nicht. Chancen hatte sie, weil die humanistische und christliche Überzeugung, die hinter ihrer Willkommenskultur für Flüchtlinge steht, international außergewöhnlich und mit hohem persönlich-politischen Risiko verbunden ist. Aber: Es muss sich erst noch erweisen, ob die Flüchtlingsströme in der Bundesrepublik auch so organisiert, kanalisiert und integriert werden können, dass Deutschland am Ende nicht politisch zerreißt. Anzeichen dafür gibt es bereits. Der wirkliche Erfolgsmesser für die gewagte Politik Angela Merkels steht also noch aus, und diese Bilanz wird eher in Jahrzehnten als in ein oder zwei Jahren zu ziehen sein. Bis dahin, zum Trost für die Kanzlerin, werden noch viele Friedensnobelpreise vergeben.

Ehe und Familie stärken – aber wie?

Um die Familie als Grundlage unserer Gesellschaft steht es nicht zum Besten. Die Geburtenraten sind, vor allem angesichts pharmazeutischer Möglichkeiten der Empfängnisverhütung, in den meisten Industrienationen niedriger, als es zur Reproduktion einer Nation notwendig wäre. Die Haltbarkeit der Ehen ist problematisch, etwa jede zweite Ehe endet vor dem Scheidungsrichter.

Das ist auch den Kirchen nicht entgangen. Besonders für die katholische Kirche wirft diese Lebenswirklichkeit ein Problem auf, denn weder die Empfängnisverhütung noch die Scheidung passt in die kirchliche Lehre, die solches nicht vorsieht und ihren Gläubigen sogar untersagt. Geschiedene, die sich erneut verheiraten, bleiben von der Kommunion ausgeschlossen, konfessionsverschiedene Ehen wird die Möglichkeit eines gemeinsamen Kommunionempfangs verwehrt. Das Ergebnis: Nur noch die allerwenigsten Katholiken in Mitteleuropa scheren sich um die Lehre der Kirche und empfinden sie in diesen Punkten als überholt, sie fühlen sich seelsorgerlich im Stich gelassen.

Nun will die katholische Kirche reagieren. 300 Bischöfe und 120 Laien-Experten werden ab Sonntag in Rom drei Wochen lang darüber debattieren, wie sich die Situation von Ehe und Familie in der Welt stabilisieren und sich die vorgefundene Wirklichkeit mit der kirchlichen Lehre besser vereinbaren ließe. „Es geht darum, wie Kirche dazu beitragen kann, dass Ehe und Familie gelingen“, fasst Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, das zusammen.

Was dazu auch notwendig ist, liegt auf der Hand: Die Kirche muss ihre Vorgaben bei Sexualmoral und Ehe ändern. Empfängnisverhütung muss als selbstverständliche Möglichkeit verantwortlicher Familienplanung akzeptiert werden. Wenn sie aus guten Gründen die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe nicht aufgeben will, dann muss die Kirche seelsorgerlich begründete Ausnahmetatbestände schaffen. Die deutschen Bischöfe liegen schon beinahe richtig, wenn Kardinal Marx sagt: „Wir können nicht die Lehre der Kirche ändern, aber die ist eingebunden in einen lebendigen Prozess. Das ist auch Lehre der Kirche. So müssen wir für die theologische Urteilsbildung und die Pastoral auch immer wieder die ‚Zeichen der Zeit’ im Licht des Evangeliums lesen, so das Konzil.“

Für diese kompromissbereite Haltung, den Blick auf die „Zeichen der Zeit“, haben die deutsche Kirche und Kardinal Marx viel Gegenwind erhalten, und sie werden ihn auch bei der kommenden Familiensynode spüren. Die Gegenspieler mit einer starren konservativen Haltung kommen aus anderen Kontinenten, aber auch aus den eigenen Reihen, beispielsweise in Person des Kurienkardinals Gerhard Ludwig Müller, der die Glaubenskongregation der Kirche leitet. Man wird heftig diskutieren, am Ende sollte eine Lösung stehen, die den nationalen Bischofskonferenzen mehr seelsorgerlichen Handlungsspielraum einräumt, denn auch die Lebenswirklichkeiten zwischen den Kontinenten der Welt divergieren.

Papst Franziskus hatte zum Zorn seiner Gegner vorab schon Fakten geschaffen, als er kürzlich per Dekret die Bedingungen für die Auflösung einer kirchlich geschlossenen Ehe wesentlich erleichterte. Damit ist vielen gescheiterten Ehepaaren ein Weg gewiesen, Probleme zu umgehen. Bei dieser Maßnahme aber wird es nicht bleiben können. Sollte sich die Synode nicht zu klaren Entscheidungen durchringen, so weist Kardinal Marx vorsorglich schon einmal darauf hin, „dass die Synode kein Beschlussgremium ist, sondern dass sie den Papst berät.“ Und zu dessen engsten Beratern wiederum zählt er selbst.

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