Mann mit Hut: Die katholischen Bischöfe wählen einen neuen Vorsitzenden. Ein Kardinal sollte es sein!

Vor wenigen Tagen beschrieb Papst Franziskus das Anforderungsprofil für einen Bischof: „Mutige und milde Glaubenszeugen“ sollen sie sein. Menschliche Fähigkeiten, Intellekt, kulturelle und seelsorgerliche Qualitäten reichten nicht, sagte Franziskus, ein Bischof dürfe vielmehr die Souveränität Gottes niemals vergessen, auch „kollegialer Einsatz“ sei unabdingbar. Bischöfe sollten es verstehen, „die Welt zu bezaubern“ mit dem Angebot der Freiheit des Evangeliums, sollten als „milde Sämänner“ durch die Welt gehen, „ihrer Herde nah, emsig und im Alltag da“.

Milde bedeutet laut Duden: „gütig, nicht streng, nicht hart“, „Verständnis für die Schwächen des Gegenübers zeigend, nachsichtig“, „freundlich im Wesen oder im Benehmen und frei von allem Schroffen, Verletzenden“. Was der Papst und die Sprachpäpste umreißen, ist für die katholische Kirche ein klarer Maßstab.

In Deutschland sind Bischöfe ins Amt gekommen, denen Strenge und Intoleranz, Verletzungswille und dogmatische Schroffheiten nicht fremd sind, wie etwa dem eben aus dem Amt geschiedenen Kölner Erzbischof. Sie haben mit einem verengten Gottesbild und Drohungen den Graben zwischen der Hierarchie und den Gläubigen vertieft. Franziskus hat an der Basis zum Thema Familie nachgefragt, und er hat eine eindeutige Antwort bekommen: Mit der Dogmatik ihrer Amtskirche, mit der offiziellen Sexualmoral und dem Umgang mit nicht katholisch-gradlinig verlaufenden Biografien können die Katholiken in Deutschland nichts mehr anfangen, die Lehre ist ihnen mittlerweile egal.

Wenn das schon in den Diözesen so schiefgehen konnte – welche Fähigkeiten erst braucht der Vorsitzende einer ganzen Bischofskonferenz, wie ihn die deutschen Bischöfe in der kommenden Woche zu wählen haben?

Milde und Toleranz stehen obenan, anders lässt sich eine divergierende Truppe nicht zusammenhalten. Diözesan- und Weihbischöfe haben ihre Partikularinteressen, ihren Partikularstolz und auch ihre „Privatdogmatik“. Sie sehen die katholische Kirche in Deutschland nicht als Ganzes, sondern als Organisation von Gnaden der einzelnen Diözesen. Kirchenrechtlich mag diese Blickverengung in Ordnung sein, zukunftstauglich ist sie nicht. Gemeinschaftsaufgaben vom Bildungssystem über die sozialen Einrichtungen bis hin zu den Medien werden wichtiger, doch die Bereitschaft dazu schwindet. Gemeinsam klagen, getrennt handeln – dieses Rezept ist heute nicht mehr hinnehmbar, erst recht, wenn eine Kirchenkrise der nächsten folgt. Ein Vorsitzender der Bischofskonferenz braucht also nicht nur intellektuelle Spannkraft und lange Führungserfahrung, sondern auch natürliche Autorität, mit der er solche überdiözesanen Projekte innerhalb der Bischofskonferenz fest verankern kann.

Innerkirchliche Überzeugungskraft reicht aber nicht, die Anforderungsliste ist länger. Weil die Kirche mit ihren Botschaften inmitten der Gesellschaft steht, braucht ihr oberster Repräsentant auch gesellschaftspolitische Kampfkraft. Der Papst macht vor, wie sich für das Christentum werben lässt. Der Vorsitzende einer Bischofskonferenz braucht eine Vorstellung davon, was die gern herbeizitierte „christlich geprägte Gesellschaft“ ausmacht. Weichgespülte Sozialpapiere, dröge Ratgeber für ein „gelingendes Leben“ oder Analysen zur Lage der Medien sind es sicher nicht. Schon deren Sprache verhindert Aufmerksamkeit.

Das heißt zweierlei: Zum einen muss der neue Vorsitzende zutiefst ein Homo politicus sein, einer, der sich gern dem Gespräch mit Politikern, Parteien und Verbänden stellt. Die Lebensprinzipien einer Gesellschaft schlagen sich auch im kodifizierten Recht nieder, die Debatte über Recht und Unrecht gilt es zu beeinflussen. Da ist es unabdingbar, dass sich ein solcher Kirchenrepräsentant Respekt verschaffen kann durch sein intellektuelles Format, sein Auftreten, seine Unnachgiebigkeit, seine Unbequemlichkeit und seine Überzeugungskraft.

Gerade diese Anforderung verweist auch auf das Mediensystem. Es reicht nicht mehr, eine gute Botschaft zu haben. Man muss sie auch medienspezifisch wirksam verkaufen können. Jedes Medium hat seine Eigengesetzlichkeiten. Talkshows sind die Kanzeln unserer Zeit. Wer dort keine gute Figur macht, wer nicht klug, kampfstark und sympathisch die Offenheit christlichen Lebens repräsentiert, hat schon verloren und mit ihm seine Sache. Dogmatische Winkelriede, frömmelnde Theologen und rhetorische Blindgänger fallen auf der Fernsehbühne durch. Wer sich in die klerikale Nische zurückzieht, hat in der Mediengesellschaft keine Chance.

Zuletzt: Ein Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist von vornherein wirkungslos, wenn er nicht starke Deckung in Rom hat. Die letzten Inhaber dieses Amtes, die meist im Range eines Bischofs waren, kannten da entwürdigende Situationen: Eben wollten sie mit Anliegen der deutschen Bischofskonferenz vatikanische Behörden betreten oder sogar beim Papst vorsprechen, da kam ihnen schon mal ein deutscher Kardinal entgegen, der die Angelegenheit vorab in seinem Sinne beeinflusst hatte. Das könnte man Intriganz nennen, milder: Unsolidarität, jedenfalls aber: Der Ober sticht den Unter.

Ein Vorsitzender der Bischofskonferenz ohne Kardinalshut brächte sich selbst und die deutsche Kirche ins Hintertreffen. Der Mann benötigt Einfluss im Vatikan, er muss den Papst gut kennen. Das gilt zumal in Zeiten, in denen – wenn man den bisherigen Reden des Papstes Glauben schenken soll – die Autonomie der nationalen Bischofskonferenzen gestärkt werden soll und sich die Kirche aufmacht, aus ihrer dogmatischen Verengung endlich das „Aggiornamento“ des Zweiten Vatikanums ernst zu nehmen, also die Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit der katholischen Christen in der Welt.

Nur wenige genügen allen Anforderungen. Kardinäle dieses Zuschnitts gibt es nur zwei, Woelki und Marx. Wer – wie der Autor – den Münchner Kardinal kennt, hat keinen Zweifel daran, dass er an gesellschaftspolitischer Kampfkraft und vatikanischer Vernetzung gewichtiger ist. Der Ausgang der Wahl wird für die Zukunft der deutschen Kirche bedeutsamer und schalen Kompromissen weniger zugänglich sein, als es manchen wahlberechtigten Bischöfen scheinen mag.

(erschienen und ZEIT/Christ und Welt vom 6. März 2014)

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