Nach Russland fahren! Brief an den Bundespräsidenten.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Sie haben sich entschieden, einer Einladung des russischen Präsidenten zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi nicht zu folgen. Als Begründung gibt Ihr Haus an, es gebe da keine Automatik der Teilnahme, insofern sei die Ihre Absage unspektakulär und kein Ausdruck einer Kritik an Russland. Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Russland ist noch kein wirklich demokratisches Land. Der Ausbau des Rechtsstaates geht nur zögerlich voran, die Meinungsfreiheit ist notleidend, politische Opposition wird mit fragwürdigen Methoden klein gehalten. Dass Sie, Ihre DDR-Erfahrungen gut im Gedächtnis, da eine besondere Sensibilität haben, ehrt Sie und tut unserer Demokratie gut. Und ich kann verstehen, dass Sie alle diese Defizite durch Ihr Erscheinen in Sotschi nicht relativieren wollen.

Andererseits: Die olympische Idee will den sportlichen Wettkampf der Jugend der Welt von Politik freihalten. Sie lebt von der Vision eines politikfreien Raumes, in dem die menschliche Begegnung das Ziel ist, durchaus mit dem Hintergedanken, diese Kontakt- und Bewegungsfreiheit  zum weltweiten Modell zu machen. Freiheitsnachhilfe, sozusagen. Ihre Absage schadet diesem Gedanken, sie politisiert den Sport, indem sie den sportlichen Wettstreit mit moralisch-politischen Voraussetzungen auflädt.

Hinzu kommt, dass Russland nicht Putin-Land ist. Es ist das Land der 130 Millionen Russen, die mit Mühen und unter großen Hindernissen ihr Land aufbauen. Den meisten geht es heute besser als 1989, sie bereisen die Welt, sie suchen Freundschaft. Deutschland ist für die Menschen in Russland der liebste Partner, geachtet trotz des zweiten Weltkrieges, bewundert seiner wirtschaftlichen Stärke wegen, aber auch geschätzt aufgrund gemeinsamer Geschichte und gemeinsamer Kultur. Diese Menschen haben sie mit Ihrer Absage – die Wladimir Putin verschmerzen kann – enttäuscht.

Kürzlich fand in Kassel der 13. Petersburger Dialog statt. In seinen vielen Arbeitsgruppen werden ganzjährig eindrucksvolle Projekte vorangetrieben, in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Jugendparlamenten. Viele Hunderte Deutscher und Russen treffen sich dort, tauschen sich aus, gehen mit neuen Eindrücken nach Hause, verändern ihre Überzeugungen. Das erzeugt größere Wirkung als die politische Deklamation. Längst ist erreicht, wovon Gottfried Wilhelm Leibniz im 18. Jahrhundert träumte, als er schrieb: „Wäre ich noch jung, würde ich nach Moskau und vielleicht bis nach China reisen, um mit Hilfe meiner binären Zahlenlehre einen Wissensaustausch zu etablieren.“

Das alles ist längst möglich, die letzten zwei Jahrzehnte waren insoweit Freiheitsjahrzehnte, die auch an Russland nicht vorbeigingen. Das Land hat sich geöffnet, es baut moderne Strukturen auf, langsam etabliert sich auch ein Mittelstand, mühsam aber nachhaltig werden die Oligarchen aus dem politischen Raum verdrängt. Auch das Rechtssystem festigt sich. Wir sollten jede Chance nutzen, das zu befördern.

Mit freundlichem Gruß

Michael Rutz

(veröffentlicht in ZEIT/CuW am 12.12.2013)

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