Der Papst-Rücktritt: Ein Gespräch im DLF

Der Papst-Rücktritt – ein Gespräch im Deutschlandfunk am Tag danach über Leistungen und Fehlleistungen von Papst Benedikt XVI. Darüber diskutierten – unter der Leitung von Matthias Gierth – Dr. Wolfgang Kessler, Chefredakteur des „Publik Forum“, Thomas Migge, Deutschlandradio-Kulturkorrespondent in Rom und ich am 12. Februar 2013 in der Sendung „Tag für Tag“. Hier ist der Link:

 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/tagfuertag/2008236/

Von einem guten Papst, der den Falschen sein Ohr lieh

Ja, wir waren Papst. Beinahe acht Jahre lang fühlten wir uns ein bisschen zuhause, wenn wir den Petersplatz betraten, in der Basilika beteten oder durch die vatikanischen Gärten spazierten. Wie geht es unserem Papst? fragten wir dann jene in Rom, die es wissen mussten oder konnten, und wenn wir ihm selbst begegneten, dann wussten wir um die Ikonografie seiner niederbayerischen Herkunft, und wir sprachen eine gemeinsame Sprache. Ja: Soweit Nationalität und kulturelle Herkunft Identität stiften können, empfanden wir dieses Pontifikat als unseres. Denn Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn war zutiefst ein Vertreter deutscher Bildung, einer der besten  Kenner deutscher Philosophie und Theologie, ein Mann des Geistes in der stolzen Reihe berühmter Kollegen.

Zu Zeiten, im Zweiten Vatikanum etwa, war er gar ein Protagonist deutscher Aufklärung und Aufbruchsstimmung und eines Reformwillens, der die Dinge nicht bei sich selbst lassen wollte nur deshalb, weil sie schon immer so waren. Ein bürokratisch und dogmatisch erstarrter Vatikan war ihm zuwider, er plädierte – während des Konzils als Mitarbeiter des Kölner Kardinals Frings – für Transparenz und eine offene Kirche. Er wollte eine Kirche, die in sich rein ist, unverwildert in den Sitten, aber er musste schon 1968 in seiner „Einführung in das Christentum“ eine Kirche verteidigen, von der er diagnostizierte: „Wie die Heiligkeit, so scheint uns auch die Katholizität der Kirche fragwürdig.“ Die Kirche wollte er hintragen zu den Armen und Sündigen, ohne „adelige Distanz“, und gerade diese „unheilige Heiligkeit“ habe für ihn „etwas unendlich Tröstendes an sich.“

So hatten wir ihn als Professor erlebt, als Bischof, und als Präfekten der Glaubenskongregation nicht anders. In einem Gespräch im Jahr 2004 hörte ich ihn die dogmatischen Zementierungen bei wiederverheiratet Geschiedenen verteidigen, bei  konfessionsverschiedenen Ehen oder der interkonfessionellen Kommunion mit dem praktischen wie entschuldigenden Hinweis, es gebe „zwei Kirchen: die Kirche des Dogmas, und die Kirche der Seelsorge“, und dem Seelsorger seien Abweichungen vom Dogma möglich, wenn er die seelische Not des Glaubenden sehe.

So war er, strenger Dogmatiker (und das ließ er, wenn man ihn in seinem vorletzten Amt dogmatisch anfragte, kirchenintern auch spüren) und liberaler Seelsorger zugleich. Die Worte konnte er elegant aneinanderfügen, Satz um Satz zu Gedankengerüsten bauend, deren ethisches Fundament tiefer Überzeugung entsprach, aber stets auch größter Sorge. Ratzinger sah eine Wissenschaft vor sich, die sich von ethischen Selbstverständlichkeiten hinweg entwickelt hatte. Zwar war sie imstande, ethisch abgrundtiefe Produkte zu entwickeln, aber es war eine entgleisende Vernunft, sie schien ihm  unfähig, ethisches Bewusstsein als Produkt wissenschaftlicher Debatten zustande zu bringen und durchzusetzen.

Vom Staat erwartete er da nur begrenzte Heilung. Zwar lobte er demokratische Rechtssysteme als Möglichkeit, eine Gesellschaft unter das Maß der Gerechtigkeit zu stellen. Zugleich war ihm klar: „Mehrheiten können blind sein oder ungerecht“, oppressive Gesetze könnten religiöse oder rassische Minderheiten unterdrücken, „kann man da noch von Recht oder Gerechtigkeit sprechen?“, fragte er. So lasse das Mehrheitsprinzip immer noch die Frage nach den ethischen Grundlagen des Rechts übrig, nämlich, „ob es nicht das gibt, was nie Recht werden kann, also etwas, das immer in sich Unrecht bleibt – oder umgekehrt: etwas, das in sich Recht ist und als solches akzeptiert werden muss?“ Hier sah er die Rolle der Kirche, der christlichen Menschenwürde, die es zu verteidigen gelte.

Ja, das war unser Joseph Ratzinger. Das war der Mann, den wir auf den Papststuhl steigen sahen, fromm, aber eben ein Intellektueller, dessen Rationalität nie in den Sumpf frömmlerischer Bigotterie abstürzen würde und der fähig war, seine Kirche selbst dann von außen zu betrachten und nüchtern zu beurteilen, wenn er Papst sein würde. Der mehr Seelsorger war als Dogmatiker. Der die Kirchengeschichte kannte und aus dem Land der Reformation ins Papstamt kam mit allem Empfinden, das man für eine konstruktive Ökumene brauchen würde.

„Die Heiligkeit der Kirche fängt mit dem Ertragen an“, hat Ratzinger geschrieben, und er hat die „gallige Bitterkeit“ moniert, mit der die innerkirchliche Kritik oft vorgetragen werde. Dass er der organisatorische Reformator der Kirche sein würde, der die Administrationen fest in den Griff nimmt, das konnte nicht erwarten, wer Ratzinger schon 1968 gelesen hat. Gallige Bitterkeit einerseits, aber „leider gesellt sich nur allzu oft eine spirituelle Leere dazu, in der das Eigentliche der Kirche überhaupt nicht mehr gesehen wird, in der sie nur noch wie ein politisches Zweckgebilde betrachtet wird, dessen Organisation man als kläglich oder brutal empfindet, als ob das Eigentliche der Kirche nicht jenseits der Organisation läge, im Trost des Wortes und der Sakramente, den sie gewährt in guten wie in bösen Tagen. Die wirklich Glaubenden messen dem Kampf um die Reorganisation kirchlicher Formen kein allzu großes Gewicht bei. Sie leben von dem, was die Kirche immer ist. Und wenn man wissen will, was die Kirche immer sei, muss man zu ihnen gehen“, dort zeige sich „über den Wechsel ihrer Diener und ihrer Formen hinweg“ das wahre Gesicht der Kirche. So steht es in Ratzingers „Einführung in das Christentum“.

Daran ist ja nichts falsch. Aber diese Sätze signalisieren zugleich eine Unterbewertung des Organisatorischen, der Formen, der zu Würdenträgern ernannten Protagonisten. Wer hier nicht die anspruchsvollsten Kriterien anlegt, der wird eine brüchige Organisation ernten, die wenig Anziehungskraft besitzt und sich ihre diesseitigen Probleme selbst schafft wie etwa die Missbrauchs- und Bankenskandale. Wer solche Probleme hat, aber viel zu wenige charismatische, weltoffene und präsente Bischöfe, der wird unter Priestermangel  leiden. Wo keine Priester, dort keine Sakramente – ein circulus vitiosus aus Gemeindeschließungen, mangelnder Gefolgschaft, Kirchensteuerverlust.

So ist es leider gekommen in Amerika, auch anderswo – und auch in Deutschland. Auch die Gutwilligen werden den Vatikan selbst nicht als Hort erstklassiger Verwaltung erleben, sondern als „Intrigantenstadl“, wie man in Bayern sagt. Und in Ratzingers Heimat ist die Kirche schwach geworden, weil die römische Dogmatik die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr versteht und diese in ihrer Not auf die Kirche längst nicht mehr zählen. Die Kirche hat – und eine Umfrage nach der anderen bestätigt ihr das – das „Aggiornamento“ verlernt. Und dieser Papst hat, wenn es darauf ankam, leider den Falschen sein Ohr geliehen, jenen, die oft mit bösem und intrigantem Eifer ihre innerkirchlichen  Gegner in Rom anschwärzten, sie des Abweichlertums verdächtigten und nicht selten auch um Amt und Würden zu bringen trachteten  – ein Glück nur, dass es die Instrumente der mittelalterlichen Inquisition nicht mehr gab.

Mit anderen Worten: Mit seiner Personalpolitik hatte Papst Benedikt XVI. nur wenig Fortüne, und seine dogmatischen Entscheidungen als Präfekt der Glaubenskongregation und auch als Papst konnten  dogmatisch korrekt und bedacht, aber eben auch abstrakt und herzlos sein, und auch die deutsche Kirche spaltend. So war das bei den Regelungen zur Schwangeren-Konfliktberatung, in der sich viele in der Kirche engagiert hatten, um Leben zu retten. So war das beim Kanzelwort der Bischöfe von Rottenburg, Freiburg und Mainz zu Fragen konfessionsverschiedener Ehen und zu den Problemen wiederverheiratet Geschiedener. Das alles hat Spuren hinterlassen, die bis heute reichen und die die deutsche katholische Kirche beschädigt haben.

Zu den Vorwürfen, die man diesem Papst gerne macht, zählt ein Fremdeln mit der Ökumene. Gewiss hätte man sich von einem deutschen Papst gewünscht, er hätte dieses Zeitfenster seines Episkopats für eine stärkere Annäherung an die protestantischen Kirche genutzt, ziemlich genau ein halbes Jahrtausend nach dem Schisma. Aber eine solche Symbiose ist auch für die protestantische Kirche nicht billig zu haben. Was vor 500 Jahren wegen dogmatischer Verbohrtheit einiger römischer Kardinäle getrennt wurde und mittlerweile großes Eigenleben entwickelte, das kann in einer Handvoll Jahren nicht zusammenwachsen.

Man kann Papst Benedikt dafür kaum zeihen. Denn er hat dem ökumenischen und dem interreligiösen Dialog insgesamt viel Beachtung beigemessen, ihm gelang eine große Nähe zur russischen und zur griechischen Orthodoxie, auch hat er den Dialog mit den Protestanten nie abreißen lassen. Das Gespräch mit dem Islam war aus Gründen, die nicht der Vatikan zu verantworten hat, schwierig, aber mit einzelnen Vertretern des Islam immer möglich. Zu seinen großen interreligiösen Leistungen gehört auch die Bemühung um eine gute Gesprächsbasis zum Judentum, um einen versöhnenden Ausgleich, der ihm gelang gegen jene, die auf alte antisemitische Stimmungen des Katholizismus setzten.

Darunter war auch der deutsche Obere der Piusbruderschaft, Franz Schmidberger, der noch 2008 schrieb: „Mit Trauer sehen wir Papst Johannes Paul II. und auch Papst Benedikt XVI. in eine jüdische Synagoge gehen. Man stelle sich vor, Christus hätte Kaiphas nach seiner Auferstehung einen Höflichkeitsbesuch abgestattet!“ Unversöhnliche Worte.

Benedikt XVI. selbst hat es mit der Piusbruderschaft anders gehalten. Er ist auf sie zugegangen, hat ihre Rückwärtsgewandtheit und ihre Bekämpfung des Zweiten Vatikanums mit Überzeugungsarbeit zu mildern gesucht in dem Bemühen, die Einheit der Kirche zu wahren. Viele haben ihn dafür, zu Unrecht, gescholten, und diese Bemühung wird eines Tages, sub specie aeternitatis, zu seinen wichtigeren integrativen Leistungen gerechnet werden.

Benedikt XVI. war ein guter Papst, kirchengeschichtlich kein wirklich bedeutender. Aber er war ein  Leuchtturm in einer Kirche, in der Intellekt und intelligenter Glaube allzu oft von den Mittelmäßigen geschmäht wird und auch schon mal der eine Kardinal dem anderen nachgiftet: „Der soll nicht so viele Vorträge halten, der soll mehr beten.“ Dazu hat Altpapst Benedikt nun Zeit.

 

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt am 15.2.2013)

 

 

Die EU abwickeln? Nein. Brief an die Kanzlerin, 31

Liebe Frau Merkel,

David Camerons kritische Rede zur Zukunft Europas enthält ja einige Wahrheiten. „Die exzessive Regulierung unserer Wirtschaft in Europa ist keine Seuche, die von außen eingeschleppt wurde“ – dieser Satz beispielsweise deutet auf einen wirklichen Missstand in der EU hin. Die zuständigen Kommissare betätigen sich da häufig zum Schaden unserer europäischen Arbeitsplätze und unserer Wettbewerbsfähigkeit. Auch Camerons Forderung: „Europas Politiker haben die Pflicht, sich Bedenken anzuhören. Es reicht nicht, die Probleme der Euro-Zone zu beseitigen“ ist  so ein wahrer Satz. Denn tatsächlich gehen Europas Politiker immerfort der Debatte aus dem Weg, welches Europa am Ende entstehen soll – wie es föderal gestaltet sein soll, welche Befugnisse wer hat, wie die Demokratie in Europa funktionieren soll.

Vier Sätze Camerons sind allerdings inakzeptabel. „Wir sind eine Familie demokratischer Nationen, Mitglieder einer Union, deren Fundament der Binnenmarkt, nicht die gemeinsame Währung ist.“ Dieser Satz lässt die Europäische Politische Zusammenarbeit vollkommen außer Betracht, etwa die (von einer Britin repräsentierte) gemeinsame Außenpolitik, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, das Europäische Justizsystem. Cameron will weit hinter den gegenwärtigen Stand zurück und damit hinter die Notwendigkeiten unserer Zeit.

Auch sein Satz „Heute ist der wichtigste Zweck der EU ein anderer: nicht mehr, den Frieden herbeizuführen, sondern den Wohlstand zu sichern“ reduziert die EU auf ihren ökonomischen Gehalt. Das signalisiert: Die Briten wollen die wirtschaftlichen Vorteile des EU-Handels  behalten, aber ihre Splendid Isolation etwa im Verteidigungsbereich nicht aufgeben. Die gemeinsame militärischen Anstrengungen aber werden wir intensivieren müssen, sind doch die Amerikaner gerade dabei, nach ihrer energiepolitischen Verselbständigung den Nahen Osten zu räumen – dann werden sich die Europäer, die von dort noch Öl beziehen, um die Sicherung der Nachschubwege schon selbst bemühen müssen.

Drittens: „Einen europäischen Demos gibt es nicht. Die nationalen Parlamente bleiben die Quelle demokratischer Legitimität.“ Wer das sagt, erledigt das Europäische Parlament, das wir Europäer gewählt haben. Die britischen Abgeordneten sollten es sofort verlassen. Viele junge Europäer fühlen sich sehr wohl als solche und empfinden auch ein politisches Zusammengehörigkeitsgefühl als EU-Bürger. Wenn den Briten das abgeht: Austreten.

Viertens: „Wenn wir die Herausforderungen nicht anpacken, besteht die Gefahr, dass Europa scheitert und das britische Volk auf den Austritt zutreibt.“ Klartext: Wenn die Europäer nicht alles tun, was die Briten wollen, sind sie an dem Austritt der Briten selbst schuld. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wir sollten den Engländern den Preis klarmachen: Wer aus der Europäischen Union austreten will, der kann nicht Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bleiben. Solches Rosinenpicken gibt es nicht – ich hoffe, auch nicht mit Ihnen.

Stets Ihr

 

Michael Rutz

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt Nr. 6/2013

 

 

 

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